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Kognitive Dysphasien

Differenzialdiagnostik aphasischer und nichtaphasischer zentraler Sprachstörungen sowie therapeutische Konsequenzen

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Maria-Dorothea Heidler

In diesem Buch geht es um einen bislang vernachlässigten Bereich in der sprachtherapeutischen Forschung: die Konzeptualisierung nichtaphasischer zentraler Sprachstörungen. Ausgangspunkt ist die Überlegung, dass kognitive Funktionen wie Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Sprache auf komplexen Interaktionen in neuronalen Netzwerken mit einer hochgradig distribuierten und parallelen Architektur beruhen. Fallen Teile dieser Netzwerke aus, kommt es zu sekundären (systembedingten) Störungen in funktional eng gekoppelten Systemen. «Kognitive Dysphasien» bezeichnen solche systembedingten Sprachstörungen infolge primär gestörter Netzwerke für Aufmerksamkeits- und Gedächtnisprozesse. Ausführlich beschrieben werden Sprachstörungen nach rechtshemisphäriellen und frontalen Läsionen, nach Hypoxien, im Rahmen vaskulärer und degenerativer Demenzen sowie bei endogenen und exogenen Psychosen.

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THEORETISCHER TEIL

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2 Konzeptualisierung Kognitiver Dysphasien 2.1 Primäre und „sekundäre“ Aphasien – Versuch einer De- finition 2.1.1 Primäre Aphasien Versuche zur Bestimmung und Abgrenzung von Aphasien haben eine lange Tradi- tion. Bereits zur Zeit Brocas gab es verschiedene Bezeichnungsvorschläge wie „Aphemie“, „Alalie“ oder „verbale Amnesie“ (Tesak 1997b). Als verursachend wird eine erworbene Hirnschädigung nach vollendetem Spracherwerb angesehen, die zu einer mehr oder weniger stark ausgeprägten Einschränkung in der sprachli- chen Leistungsfähigkeit führt. Weitere Bestimmungsparameter sind umstritten. Im deutschen Sprachraum werden aphasische Störungen meist aus der Forschungstra- dition der klassischen Lokalisationslehre und der Linguistik heraus konzeptualisiert. Als differenzialdiagnostische Kriterien gelten u.a. folgende: ■ Aphasien manifestieren sich als Störungen in den verschiedenen Ebenen des Sprachsystems (Phonologie, Semantik, Lexikon und Syntax) und können lingu- istisch in allen rezeptiven und expressiven Modalitäten beschrieben werden (Huber, Poeck, Weniger 1989), ■ sie sind sowohl multimodale Störungen, da immer mehrere Modalitäten zugleich betroffen sind, als auch supramodale Störungen, da alle Modalitäten ähnliche Störungsmuster zeigen (Schöler, Grötzbach 2002), ■ sie sind sprachsystematische Störungen (Sprachinstrumentstörungen), wobei eine relative Intaktheit von Gedächtnis und allgemeiner Intelligenz angenom- men wird (allerdings sprechen die in Kap. 7.2.1 angeführten obligatorischen kognitiven Störungen bei Aphasikern durchaus gegen diese generelle Annahme), ■ sie sind keine Sprechstörungen, sondern Ausdruck einer gestörten Fähigkeit, Sprache „als kognitives und kommunikatives Zeichensystem zu verwenden“ (Braun 1999, 199) im Sinne einer sprachstrukturellen Störung (was allerdings ebenso für Sprachstörungen...

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