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Die Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache

2., erweiterte Auflage

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Klaus-Peter Wegera

Die Diskussion um die Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache begleitet die Germanistik von ihren Anfängen bis in die unmittelbare Gegenwart. Die wesentlichen Fragen, um deren Beantwortung es in der Diskussion geht, sind die nach dem Entstehungsort – der «Wiege» – der neuhochdeutschen Schriftsprache und die nach ihrem möglichen Schöpfer. Eng mit der letzten Frage verbunden ist die nach der Richtung der Entwicklung: «von unten nach oben» also volkssprachlicher Ausgleich als Basis für die Schriftsprache oder schreibsprachlicher Ausgleich und Rückwirkung auf die Mundarten. Das zentrale Problem der Diskussion zeigt sich nach wie vor darin, dass keiner der wichtigeren theoretischen Ansätze a priori völlig absurd erscheint. Jede Theorie enthält wohl einen Teil der Wahrheit: Sowohl Siedlerbewegungen als auch die Bildung, sowohl Luther als auch die Kanzleien und Offizinen, sowohl die Grammatiktheoretiker als auch die Dichtung, sowohl Sprachwertsysteme als auch die sich herausbildende Polyfunktionalität und die allmähliche Herausbildung einer zentralen Zielvarietät spielen eine mehr oder weniger bedeutsame – aber in der Regel noch nicht zufriedenstellend ausgelotete – Rolle.

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Werner Besch: Zur Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache*

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Werner Besch Zur Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache* [aus: Zeitschrift für deutsche Philologie 87 (1968), 405-426] Seit gut hundert Jahren wird sprachwissenschaftlich versucht, die genaueren Um­ stände der Entstehung unserer Schriftsprache kennenzulemen. Es liegen eine Reihe von Erklärungsversuchen vor, sie widersprechen sich stark, ja schließen sich gegenseitig weithin aus. Erklärt sich diese auffallende Divergenz der Entste­ hungstheorien allein aus der Unzulänglichkeit der jeweils früheren Zugriffe? Ich glaube das nicht. Für den aufmerksamen Beobachter verbirgt sich wohl mehr da­ hinter, die Divergenz hat Symptomcharakter. Es drängt sich nämlich der Schluß auf, daß die Entstehung unserer Schriftsprache ein äußerst komplexer Vorgang gewesen sein muß, verwickelter als bei anderen europäischen Nationen, viel­ schichtiger als gemeinhin angenommen. Jeder Versuch, von Teilaspekten des Problems her zu einem umfassenden Verständnis des ganzen Prozesses zu gelan­ gen, scheint zum Scheitern verurteilt zu sein. Aber gerade ebendies hat die ältere Forschung versucht, eine gewisse Einengung der Perspektive kennzeichnet nahe­ zu alle bisherigen Bemühungen. Sei es nun Einengung durch Beschränkung auf einzelne Teilbereiche der Sprache (etwa die Laute etc.), sei es durch einseitige Festlegungen im sprachsoziologischen Feld, sei es in der Beurteilung der kultu­ rellen und politischen Gegebenheiten. Die Ergebnisse im einzelnen brauchen da­ bei nicht falsch zu sein, sie können durchaus der Realität nahekommen, nur ihre Verallgemeinerung auf den Gesamtprozeß ist unzulässig. Ich übe nicht Kritik an einer vernünftigen Untersuchungsbegrenzung - sie wird ja ohnehin diktiert vom verfügbaren Material,...

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