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Die Praxis der/des Echo

Zum Theater des Widerhalls

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Edited By Veronika Darian, Micha Braun, Jeanne Bindernagel and Miroslaw Kocur

Der Band versammelt Lektüren gegenwärtiger und historischer Konstellationen in Theater, Text und Kunst, die Echo als Figur und Phänomen nachspüren. Im antiken Mythos ist die Nymphe Echo zur ohnmächtigen Wiederholung fremder Rede verdammt. Sie wird zum Sinnbild eines defizitären, vom Anderen abhängigen Wesens. Doch birgt der Widerhall mehr in sich, verweist er doch auf das widerständige Moment einer Zergliederung jedes «eigentlichen» Ausdrucks. Echos körperlose Stimme gemahnt an die Medialität der Kommunikation, das Entgleiten des Sinns, die Grenzen der Mitteilbarkeit und die Ambivalenzen einer Aneignung der Vergangenheit. Damit aber wohnt ihr ein entschieden theatrales Element inne. Echo wird als eigene Praxis wirksam.

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Zum Geleit: Echo

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Die Nymphe Echo ist im antiken Mythos nach Ovid eine begabte Erzählerin, der wie so vielen ein grausames Los widerfährt: Ihr wird die eigene Bega- bung zum Verhängnis und – in der mythischen Logik – zum ewig dauernden Schicksal. Weil sie Juno durch ihren Wortschwall von den Amouren ihres Gatten Jupiter ablenkte, wird sie mit dem Entzug der eigenen Rede bestraft: Nurmehr fähig, die letzten Worte ihres Gegenübers zu wiederholen, ist sie verdammt zum ohnmächtigen Widerhall fremden Ausdrucks. In dieser wohl bekanntesten Variante des Mythos avanciert der eigenwillige Jüngling Narziss zum Objekt ihres Verlangens. Doch ihr Begehr(en) findet keinen Zuspruch, Echo stößt ihn ab und wird von ihm zurückgestoßen. Zu ungeheuerlich scheint die Begegnung mit der Anderen, die mit den ihm wiedergegebenen Worten sein eigenes Anderes provoziert. Narziss indes bleibt ganz bei sich, nichts stört den autoerotischen Akt der Selbstbespiegelung, aus dem jegli- ches Störmoment getilgt werden muss. Echo, die Ver-Störende, jedoch wird in der Folge des Mythos zu Stein, nur die Stimme bleibt (bei) ihr. Der gött- lichen Strafe anheimgegeben, einer gegenseitigen Liebesbeziehung entledigt und schließlich im Dichterwort versteinert wird Echo so von Anbeginn zum Sinnbild eines defizitären, vom Anderen abhängigen Wesens. Darin taugt sie, im Gegensatz zu Narziss, wie Winfried Schindler ausführt, unter keinen Um- ständen als »Erkennungsmythos des Abendlandes«1, auf den man zur Selbst- erklärung leichterhand zurückgreifen würde. Es fehlt ihr das vermeintlich Originäre....

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