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Leserbrief und Identitätskonstitution

Am Beispiel von Diskursen der ost- und westdeutschen Tagespresse 1979–1999

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Goulnara Wachowski

Die ersten «Stimmen aus dem Publikum» erscheinen bereits im 18. Jahrhundert. Dennoch bleibt der Leserbrief aus der textlinguistischen Sicht ein schillerndes und schwer zu fassendes Phänomen. Die Autorin setzt sich zum Ziel, diese Vielfalt aufzufangen und darzustellen sowie einen methodischen Zugang zu finden, der eine entsprechende Analyse und Beschreibung ermöglicht. Anhand des intertextuell-diskursiven Modells, das nach einer eingehenden theoretischen Auseinandersetzung mit intertextuellen und diskursiven Konzepten entstanden ist, analysiert sie den Leserbrief als diskursiven Beitrag – jeweils 10 Jahre vor und nach der Wende und in einer ost- sowie einer westdeutschen Tageszeitung. Das Untersuchungsmaterial bilden 1092 Leserzuschriften – bzw. ihre Autorinnen und Autoren.

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Einleitung

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Beim Aufschlagen einer Tageszeitung, einer Illustrierten oder eines Fachmaga- zins sind neben Kommentaren, Leitartikeln, Kolumnen, Feuilletons etc. auch Le- serbriefe zu finden. Gerade diese Art der „Rückkopplung“ mit der Leserschaft scheint für jedes Printmedium relevant zu sein. Und dies bereits seit Anfang des 18. Jahrhunderts, als die ersten Lesereinsendungen analog zu englischen Vorrei- tern1 in deutschen moralischen Wochenschriften abgedruckt wurden. Im Laufe der Zeitungsgeschichte wandelten sich Printmedien, ihre Sprache sowie die Leserbeiträge. Dennoch schrieben weder Briefsteller des 18. Jahrhun- derts2 vor, wie ein Leserbrief zu verfassen sei, noch geben moderne Leserbrief- forschungsansätze Aufschluss darüber, was ein Leserbrief ist. Es finden sich zwar pragmatische Anleitungen zur Schreibweise von Leserbriefen wie „kurz und knapp“, „sachlich“, „aktuell und wichtig“, „authentisch“ etc. Die Versuche sprach- wissenschaftlicher Studien, Leserbriefe (als Textsorte) zu beschreiben, beruhten jedoch auf einer Verknappung durch Ausgliederung und Isolierung bestimmter Textmuster (z. B. meinungsbetonte Leserzuschriften). So liegt die Schlussfolge- rung nahe, dass sich der Leserbrief traditionellen textlinguistischen Herange- hensweisen wohl eher versperrt. Was ist also ein Leserbrief? Heutzutage werden per Fax oder E-Mail übermit- telte Lesermeinungen als Leserbriefe abgedruckt. Leserbriefredakteure verfassen Niederschriften von telefonischen Leserumfragen, die dann als Leserbeiträge veröffentlicht werden. Anstelle eines „gewöhnlichen“ Textes erscheint ein Leser- foto oder lediglich eine Leserfrage. Manche Leserbriefe enthalten Meinungen zum aktuellen politischen Geschehen, andere korrigieren banale redaktionelle Fehler. Dies wäre ein beispielhaftes Vielfaltspektrum der Erscheinung Leserbrief, welches keine formale, semantische, funktionale Einheitlichkeit für eine Be- schreibung bietet. Die Leserbeiträge (Leserbriefe, -fotos, -fragen etc...

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