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Mitteldeutsche Orientliteratur des 12. und 13. Jahrhunderts. «Graf Rudolf» und «Herzog Ernst»

Ein Beitrag zu interkulturellen Auseinandersetzungen im Hochmittelalter

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Yücel Sivri

Die beiden mitteldeutschen Epen «Graf Rudolf» und «Herzog Ernst» spielen zwar in den neuesten Darstellungen der Geschichte der deutschen Regionalliteratur eine Rolle, aber ihre Einordnung in Gattungen lässt Fragen offen. Zur Diskussion stehen ihre Verbindung zur Heldenepik sowie ihre Rezeption besonders im mitteldeutschen Kulturraum. Dadurch, dass der Autor die Werke in die historischen Zusammenhänge des ausgehenden 12. und beginnenden 13. Jahrhunderts einordnet und Motivverwandtschaften als Ausdruck des im Hochmittelalter blühenden Kulturaustausches interpretiert, werden die bis in die jüngste Zeit gängigen Bezeichnungen «Fabulierlust» oder «orientalische Exotik» obsolet. Der Autor hebt die Einzigartigkeit dieser Epen ebenso wie ihre Vorbildhaftigkeit hervor, indem er sie in weltliterarische Zusammenhänge einordnet.

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7. Gesamtzusammenfassung und Ausblick

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Mittelalterliche Werke wie ‘Graf Rudolf ’ und ‘Herzog Ernst’ waren ein Teil der gegenseitigen Interaktion und Beeinflussung von Kulturen (Hybridisierung), die sich selbstredend über größere Zeiträume erstrecken konnten, und dienten nicht nur zur Unterhaltung des Publikums, sondern schlossen auch Wissenslücken, und zwar nicht nur auf der literarischen, sondern auch auf der geographischen, historischen, ethnologischen und anthropologischen Ebene.758 So trugen sie mit dazu bei, dass in den westeuropäischen Ländern ein Fundament zur Schaffung einer wissenschaftlichen und technischen Basiskompetenz gelegt wurde, die den Weg für die Renaissance ebnete. Fabeln, Legenden, Wundergeschichten verhalfen zur Erlangung solcher Basiskompetenzen, die vielfältige nützliche Techniken wie die Erfindung von Messgeräten und die Weiterentwicklung von Wissenschaften wie Geographie, Astronomie und Medizin vorbereiteten. Unter Berücksichtigung der hier ermittelten und angeführten Aspekte und Beobachtungen sind wir nunmehr in der Lage, die in dieser Arbeit exemplarisch behandelten Werke GR und HE präziser zu kategorisieren: Bei GR handelt es sich um ein dramatisch-innovatives Kreuzzugs-, Adels- und Minneepos, dessen zentrale Gestalt extrovertiert, vorurteilsfrei, welt- und religionsoffen zu agieren imstande ist. Die im letzten Viertel des 12. Jahrhunderts entstandene, fragmen- tarisch erhaltene Reimdichtung steht in der Chanson de geste-Tradition. Beim HE hingegen geht es um die heldenhaften Taten und kuriosen Erlebnisse eines vorerst auf Rache sinnenden, später jedoch weit von der Heimat sich in einen Büßer verwandelnden, ja beinahe geistig reinkarnierenden jungen und resoluten Adligen. Die ebenfalls auf das letzte Quartal des 12. Jahrhunderts zu datierende, komplett erhaltene historisch-genealogisch disponierte,...

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