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Reichsdramaturgie

Kulissen und Choreographien der Macht im NS-Staat

Gunter Reiß

«Reichsdramaturgie» wird definiert als Chiffre für totalitäre Massensuggestion. Sie bezieht sich sowohl auf die Instrumentalisierung des Theaters durch Goebbels als auch auf die Inszenierungsformen des sich als ästhetisches Spektakel präsentierenden faschistischen Staates.
Rückgriffe auf Denk- und Handlungsmuster der NS-Zeit sowie Ausgrenzung und Verfolgung Andersdenkender prägen weiterhin Teile der deutschen Öffentlichkeit und beginnen, demokratische Übereinkünfte und Grundrechte auszuhebeln. Die Analyse der Theatralik des Faschismus bestätigt die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit als einen unverzichtbaren Bestandteil unseres gesellschaftlichen Denkens und Handelns.

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Theatralisierung der Politik im Alltag

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Die Durchdringung von Theater und politischem Alltag über- steigt die historische Faktenlage zur NS-Theaterpolitik und verweist auf die ideologische Einbettung von Theaterstruk- turen in die Strategien politischer Akteure. Der Erfolg der totalen Vereinnahmung des deutschen Vol- kes basiert zu einem wesentlichen Teil auf der Instrumenta- lisierung und Übertragung von Elementen einer theatralen Kommunikation in den Alltag. Die politische Machtsymbo- lik fußt bei der Herstellung ihres repräsentativen schönen Scheins extensiv auf den Illusionstechniken des Theaters. Die dadurch entstehende Inszenierung von Politik ist prin- zipiell aber keineswegs eine Erfindung des NS-Regimes. Herfried Münkler28 hat das Phänomen der Theatralisierung der Politik bis in die Antike zurückverfolgt und eine lange Reihe aufgestellt, die vom römischen Kaiser Augustus über verschiedene Stationen der europäischen Geschichte bis in das 20. Jahrhundert reicht. Münkler betont allerdings auch, dass das 20. Jahrhundert wesentliche Unterschiede zu den historischen Vorformen aufweist. An Augustus lässt sich be- obachten, wie die „politische Theatralisierung“29 zunächst funktioniert, und zwar als „Zurschaustellung politischer Prozeduren mit dem Ziel, ehemalige Politikpartizipanten in ein gut unterhaltenes Publikum zu verwandeln.“30 Dazu kommt dann die „Errichtung politischer Fassaden bzw. [die] Verwandlung einiger Politikarenen in Bühnendekorationen, um die tatsächlichen politischen Entscheidungsprozesse mehr 28 Münkler, Herfried: Die Theatralisierung der Politik. 29 Münkler, Herfried: Die Theatralisierung der Politik. S. 150. 30 Münkler, Herfried: Die Theatralisierung der Politik. S. 150. 19 und mehr den Augen des Publikums zu entziehen und auf Bereiche weit hinter der Bühne...

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