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Reichsdramaturgie

Kulissen und Choreographien der Macht im NS-Staat

Gunter Reiß

«Reichsdramaturgie» wird definiert als Chiffre für totalitäre Massensuggestion. Sie bezieht sich sowohl auf die Instrumentalisierung des Theaters durch Goebbels als auch auf die Inszenierungsformen des sich als ästhetisches Spektakel präsentierenden faschistischen Staates.
Rückgriffe auf Denk- und Handlungsmuster der NS-Zeit sowie Ausgrenzung und Verfolgung Andersdenkender prägen weiterhin Teile der deutschen Öffentlichkeit und beginnen, demokratische Übereinkünfte und Grundrechte auszuhebeln. Die Analyse der Theatralik des Faschismus bestätigt die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit als einen unverzichtbaren Bestandteil unseres gesellschaftlichen Denkens und Handelns.

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Das Eindringen des politischen Alltags in den Fiktionsraum der Bühne

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Die am vorgestellten Material immer deutlicher werdende Durchlässigkeit der Bühne für den politischen Alltag illus- triert ein weiteres Wallenstein-Beispiel: Abb. 16 Friedrich Schiller: Wallenstein, Hamburg, Staatliches Schauspielhaus. Es handelt sich um eine Aufführung, die Hans Schweikart im Hamburger Schauspielhaus inszeniert hat (Bühnenbild: Karl Gröning)129. „Das heraldische Emblem und die Fahnenfülle sind der eindrucksvolle Hintergrund des politisch-kriegeri- schen Geschehens und verdichten wirksam die Atmosphä- 129 Blanck, Karl, und Heinz Haufe: Unbekanntes Theater. S. B 34. 53 re“ – so der zeitgenössische Bildkommentator130 von 1941. Dieser „eindrucksvolle Hintergrund“ des Bühnengeschehens ist vertrauter Alltag des Theaterbesuchers. Heraldische Emb- leme, Fahnenfülle, Standarten u. ä. gehören zur ästhetischen Grundausstattung faschistischer Öffentlichkeit, die zitierte „wirksame Verdichtung der Atmosphäre“ ist nichts anderes als das Eindringen des politischen Alltags in den Fiktions- raum einer Bühneninszenierung. Drei beliebig ausgewählte Beispiele als Streiflichter auf diesen Alltag: Abb. 17 Reichsparteitag 1938, Nürnberg, Aufmarsch der Standarten zum großen Appell. 130 Blanck, Karl, und Heinz Haufe: Unbekanntes Theater. S. B 34. 54 Abb. 18 Aufmarsch der Standarten vor dem Goethe-Schiller- Denkmal in Weimar. Wie selbstverständlich diese Formen wechselseitiger Durch- dringung von Theater und Wirklichkeit werden, verdeutlicht die Beschreibung einer weiteren Aufführung des Wallenstein in Köln. 55 Abb. 19 Friedrich Schiller: Wallenstein, Köln Schauspielhaus. In der Kölner Wallenstein-Inszenierung von 1937131 wird Wallenstein von den Soldaten Max Piccolominis einge- schlossen (Abb. 19) und abgeführt. „Nach langem klirren- den Anmarsch [brechen] aus acht Toren...

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