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Die Himmel sind leer

Der "Dom Juan</I> von Molière im Kontext frühneuzeitlicher Religions- und Herrschaftskritik

Joachim Wink

Die Vieldeutigkeit des Dom Juan ist in postmodernen Zeiten oft betont worden, doch ist sie Folge eines Tabus. Das Tabu lautet, dass Molière den in seiner Komödie über fünfzig Mal evozierten Ciel auf keinen Fall in spöttisches Licht setzen wollte. So wird der orthodox-christliche Himmel, den die Zuschauer des 17. Jahrhunderts vor Augen hatten, entweder ausgeblendet oder mit modernen deistischen Vorstellungen gefüllt: ein Verfahren, bei dem die Blasphemie, derer Molière von seinen Zeitgenossen beschuldigt wurde, auf der Strecke bleibt. Der Autor zeigt, Szene für Szene, wie durch historische Rückfühlung, die den religiösen Realitäten im Zeitalter der Gegenreformation Rechnung trägt, die heiligen Kühe der Pluralität und Paradoxie plötzlich vom Fleisch fallen und wieder der sozial kämpferische Molière der älteren Forschung zum Vorschein kommt.

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IV. „Deux et deux font quatre“

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„You are a slow learner, Winston,“ said O’Brien gently� 1. Nur ein elegant- witziges „Bonmot“? Da nun aber Sganarelle einsieht, mit seiner Fragerei so nicht weiterzukommen, dreht er den Spieß plötzlich um� An dies oder jenes nicht zu glauben, sei ja ein- fach gesagt� Was aber sei es, woran Dom Juan denn nun eigentlich glaube? SGANA� […] mais encore faut il croire quelque chose dans le monde, qu’est- ce donc que vous croyez? D� JUAN� Ce que je crois� SGANA� Ouy� D� JUAN� Je crois que deux & deux font quatre, Sganarelle, & que quatre & quatre font huit�1 Eine Antwort, die einige der größten Denker der Moderne nicht trivial oder gar lächerlich fanden: nicht ein Heinrich Heine, der in seiner Schrift Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland mittelalterliche Scholastiker ähnli- ches glauben läßt, wenn er sie – gemäß der Lehre von der „doppelten Wahr- heit“ – mit subtiler Ironie verkünden läßt, daß das „einmal eins ist eins“ schon einmal zu einem „einmal eins ist drei“ werden könne;2 nicht ein Abbé Sieyès, der in der zu zwei Dritteln von Adel und Klerus besetzten Ständeversammlung ein Verfassungsprinzip am Werk sieht, das der seltsamen Ungleichung „zwei und 1 *A: III, 1� 2 „Den Scholastikern war es nur darum zu tun, ihre Gedanken auszusprechen, gleich- viel unter welcher Bedingung� Sie sagten: einmal eins ist eins, und bewiesen es; aber sie setzten lächelnd hinzu, das ist wieder ein Irrtum der menschlichen Vernunft, die immer irrt, wenn...

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