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Die Himmel sind leer

Der "Dom Juan</I> von Molière im Kontext frühneuzeitlicher Religions- und Herrschaftskritik

Joachim Wink

Die Vieldeutigkeit des Dom Juan ist in postmodernen Zeiten oft betont worden, doch ist sie Folge eines Tabus. Das Tabu lautet, dass Molière den in seiner Komödie über fünfzig Mal evozierten Ciel auf keinen Fall in spöttisches Licht setzen wollte. So wird der orthodox-christliche Himmel, den die Zuschauer des 17. Jahrhunderts vor Augen hatten, entweder ausgeblendet oder mit modernen deistischen Vorstellungen gefüllt: ein Verfahren, bei dem die Blasphemie, derer Molière von seinen Zeitgenossen beschuldigt wurde, auf der Strecke bleibt. Der Autor zeigt, Szene für Szene, wie durch historische Rückfühlung, die den religiösen Realitäten im Zeitalter der Gegenreformation Rechnung trägt, die heiligen Kühe der Pluralität und Paradoxie plötzlich vom Fleisch fallen und wieder der sozial kämpferische Molière der älteren Forschung zum Vorschein kommt.

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XII. Dem Ende entgegen

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Und die Wolken führen Regen an Bord und den spitzen Blitz und das Donnerwort� Der Mensch treibt Berg- und Wassersport und hält nicht viel von Rätseln� Erich Kästner 1. „Mourrez le plus tôt que vous pourrez“ Dorimon und De Villiers haben – wie schon oft festgestellt wurde – im Vergleich zu Molière sehr viel mehr Wert darauf gelegt, den (von ihnen bereits im Titel als „Fils criminel“ angekündigten) Dom Juan in Wort und Tat als einen abscheu- lichen Menschen vorzuführen� Kurz vor dem letzten Akt kommt auch Molière nicht umhin, seine zu Beginn des Stücks als „le plus grand scelerat que la terre ait jamais porté“ angekündigte Dom Juan- Figur ein paar handfestere Beweise ihrer Verworfenheit liefern zu lassen als einfach nur jungen Bäuerinnen die Hände zu küssen, unschuldige Bettler zum Fluchen anzustiften oder ohnmächtige Gläubi- ger an der Nase herumzuführen� So wird uns nun also in drastischer Weise vor Augen geführt, wie das sakrosankte fünfte Gebot „Honore ton pere & ta mere, à fin que tes jours soyent prolongez sur la terre, laquelle le Seigneur ton Dieu te donne“ (wie es in der Genfer Bibel heißt) von Dom Juan mit den Füßen getre- ten wird�1 Mag er seinen Vater auch nicht (wie bei Dorimon) ohrfeigen oder (wie bei De Villiers) einen „coup de poing“ versetzen,2 so muß doch folgende Rede in Richtung des eben von der Bühne abgegangenen Alten...

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