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Proust und der Krieg

Die wiedergefundene Zeit von 1914

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Edited By Uta Felten, Kristin Mlynek-Theil and Kerstin Küchler

Proust ist ein genauer Archäologe der diskursiven und sensoriellen Spuren des Krieges, die er in seinem Romanwerk zu einem polyvalenten Rhizom montiert, das sich eindeutigen Zuweisungen willentlich entzieht. Vergeblich sucht man nach direkten Frontberichten des Ersten Weltkrieges oder Bildern zerstückelter Körper auf seinen Schlachtfeldern. Die in diesem Band versammelten Beiträge lesen den letzten Band des Proust’schen Romanwerks À la recherche du temps perdu als vielstimmige Archäologie des Ersten Weltkrieges, die aus einer epistemologischen, intermedialen, philologischen und erkenntnistheoretischen Perspektive analysiert wird.

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Die Zeitgestalt des Krieges in Prousts À la recherche du temps perdu (Karlheinz Stierle)

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Karlheinz Stierle Die Zeitgestalt des Krieges in Prousts À la recherche du temps perdu Die Darstellung der Grande Guerre in Prousts À la recherche du temps perdu hat teil am Gefüge der Zeitgestalten, aus denen Prousts Zeitwerk hervorgeht.1 An dessen Eingang steht die nächtliche Urszene von Marcels Begegnung mit der Zeit, die in immer neuer Gestalt dem Werk seine Signatur gibt. Beim Erwachen macht Marcel die Erfahrung des Schreckens der reinen, beziehungslosen, in eine Folge von Augenblicken zerfallenden Zeit: „je ne savais même pas au premier instant qui j’étais, j’avais seulement dans ma simplicité première le sentiment de l’existence comme il peut frémir au fond d’un animal ; j’étais plus démuni que l’homme des cavernes.“ Dem Zerfall der temporalen Kohärenz antwortet Marcel, indem er dagegen die Kohärenz seiner Erinnerung und seiner Erinnerungen aufbietet. Die Linearität der Zeitmomente ordnet sich so zum Kreis der den Erwachenden schützend umgebenden Erinnerung: „Un homme qui dort tient en cercle autour de lui le fil des heures, l’ordre des années et des mondes.“2 Und noch einmal: „tout tournait autour de moi dans l’obscurité, les choses, les pays, les années“.3 Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, der hier ganz auf den Krieg Deutschlands gegen Frankreich beschränkt bleibt, besucht Marcel Tansonville, das Anwesen der Swanns, in dem sich jetzt Marcels Freund Robert de Saint-Loup mit Gilberte, der Tochter Swanns, seiner Frau, niedergelassen hat, die der junge Marcel einst umschwärmte, als die Spazierg...

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