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Proust und der Krieg

Die wiedergefundene Zeit von 1914

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Edited By Uta Felten, Kristin Mlynek-Theil and Kerstin Küchler

Proust ist ein genauer Archäologe der diskursiven und sensoriellen Spuren des Krieges, die er in seinem Romanwerk zu einem polyvalenten Rhizom montiert, das sich eindeutigen Zuweisungen willentlich entzieht. Vergeblich sucht man nach direkten Frontberichten des Ersten Weltkrieges oder Bildern zerstückelter Körper auf seinen Schlachtfeldern. Die in diesem Band versammelten Beiträge lesen den letzten Band des Proust’schen Romanwerks À la recherche du temps perdu als vielstimmige Archäologie des Ersten Weltkrieges, die aus einer epistemologischen, intermedialen, philologischen und erkenntnistheoretischen Perspektive analysiert wird.

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Gestirne über bösen Häusern. Konstellationen des Krieges bei Marcel Proust und Paul Klee (Rebekka Schnell)

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Rebekka Schnell Gestirne über bösen Häusern. Konstellationen des Krieges bei Marcel Proust und Paul Klee Die Kulisse, vor der Marcel Proust und Paul Klee den Ersten Weltkrieg erleben, könnte unterschiedlicher kaum sein. Proust verfolgt das Kriegsgeschehen – größ- tenteils von seinem Bett aus – akribisch auf einer Generalstabskarte und hält sich durch sieben verschiedene Zeitungen auf dem Laufenden.1 Der Krieg ist „d’abord, pour ce malade, ce reclus, lue, écoutée, transmise par des témoignages : un texte.“2 Bei Prousts seltenen, meist nächtlichen Streifzügen durch Paris zeigt der Krieg jedoch auch ein anderes Gesicht: Er wird zum genuin ästhetischen Spektakel, das die Stadt und den gestirnten Himmel, sowie das Verhältnis zwischen beiden, ver- fremdet, verwandelt und neu konfiguriert. Obwohl Proust den Krieg nur als Be- obachter erlebt, affiziert er ihn unmittelbar, intellektuell wie ästhetisch. So schreibt er in einem Brief an Princesse Soutzo: „Elle [la guerre, R.S.] est moins pour moi un objet (au sens philosophique du mot) qu’une substance interposée entre moi- même et les objets. Comme on aimait en Dieu, je vis dans la guerre […].“3 Eine ähnliche Verinnerlichung des Krieges, allerdings paradox gepaart mit in- nerer Distanzierung, findet sich bei Paul Klee. 1915 notiert er in seinem Tagebuch: „Ich habe diesen Krieg längst in mir gehabt. Daher geht er mich innerlich nichts an. Um mich aus meinen Trümmern herauszuarbeiten musste ich fliegen. Und ich flog.“4 Indes bleibt es für Klee beim geistigen Höhenflug: 1916...

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