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Empraktische Vernunft

Volker Caysa

Im Anschluss an Martin Heidegger, Ernst Bloch, Karl Bühler und Pirmin Stekeler thematisiert der Band eine neue Philosophie der Praxis, die die Heideggersch-Blochsche Existenzialanalyse der Stimmungen mit einer empraktischen Handlungs- und Wissenstheorie verknüpft. Das Empraktische steht gegen die Zivilisationskrankheit der Hyperreflexivität. Wir leiden nicht an einem Übermaß von Selbstbewusstsein, sondern am Übermaß von Reflexivität. Die maßlose Rationalisierung aller Lebensbereiche löst nicht unsere Lebensprobleme, sondern schafft erst neue. Das Empraktische ist das vortheoretische Zurechtkommen in der Welt und ist gekennzeichnet durch eine begriffslose Präzision, durch die wir erfolgreich leben. Eine Philosophie des Empraktischen versucht, eine Theorie zu entwerfen für etwas, was auch ohne Theorie funktioniert.

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13. Leibgebundenheit der Wirklichkeitserfahrung

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Schopenhauers Leibmystik expliziert im Unterschied zur alten Mystik klar, dass wir unsere „leer“ gewordene Seele mit der Wirklichkeit in der Vermittlung durch den Willen zum Leib auffüllen, dass wir die Wirklichkeit des Willens erinnern, indem wir sie leiblich erfahren� Bei Schopenhauer ist Erfahrung des Willens zum Leben wesentlich Leiberfahrung, die zudem noch auf Geschlechtserfahrung zentriert, wenn nicht sogar des Öfteren auf Genitalerfahrung reduziert wird�1 Lebenserfahrung als Erfahrung des Willens zum Leben ist für Schopenhauer Wirklichkeitserfahrung, die nicht nur vermittelt, sondern konstituiert wird durch leibliche Selbsterfahrung� In den leiblich-sexuellen Willenserfahrungen erlebe ich die ursprüngliche Kraft des Lebens�2 In den gestimmten Regungen des Leibes er- fahre ich die eigentliche Wirklichkeit, den dunklen, dumpfen, blinden, unaufhalt- samen Drang zu leben, der sich am stärksten im Geschlechtstrieb ausdrückt als dem eigentlichen, reinen Willen, als das Lebendige des Lebens� Die Selbstreflexion in der Schopenhauerschen Leibmystik ist im Gegensatz zur Mystik Meister Eckharts eine explizit leiblich vermittelt begriffene Selbstre- flexion� Die Besinnung auf das Selbst erfolgt hier unter expliziter Besinnung auf den eigenen Leib� Schopenhauer legt also seiner Lebensmystik explizit die Er- kenntnis zu Grunde, das intellektuelle Selbstanschauung nur auf der Basis leib- licher Selbsterfahrung möglich ist, und dass „Ich denke, also bin ich“ das „Ich leibe, also bin ich“ zur Bedingung und Voraussetzung hat� Hier ist der Leibaprio- rismus Nietzsches mit seiner leibontologischen Differenz von Leib und Körper,3 die bei Schopenhauer in der Unterscheidung von Leib als Wille und Leib als Vorstellung zu finden ist,...

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