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Empraktische Vernunft

Volker Caysa

Im Anschluss an Martin Heidegger, Ernst Bloch, Karl Bühler und Pirmin Stekeler thematisiert der Band eine neue Philosophie der Praxis, die die Heideggersch-Blochsche Existenzialanalyse der Stimmungen mit einer empraktischen Handlungs- und Wissenstheorie verknüpft. Das Empraktische steht gegen die Zivilisationskrankheit der Hyperreflexivität. Wir leiden nicht an einem Übermaß von Selbstbewusstsein, sondern am Übermaß von Reflexivität. Die maßlose Rationalisierung aller Lebensbereiche löst nicht unsere Lebensprobleme, sondern schafft erst neue. Das Empraktische ist das vortheoretische Zurechtkommen in der Welt und ist gekennzeichnet durch eine begriffslose Präzision, durch die wir erfolgreich leben. Eine Philosophie des Empraktischen versucht, eine Theorie zu entwerfen für etwas, was auch ohne Theorie funktioniert.

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20. Schmerzhafte Erinnerung – Sportive Heiligkeit

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In seinen „Thesen über Grausamkeit“ deutet Alexander Mitscherlich die Grau- samkeit zunächst interpersonell: „Denn Grausamkeit ist Lustgewinn aus den Lei- den des Gefolterten�“1 Er stellt aber auch fest, dass die „Folterknechte keine andere, keine fremde Rasse“ sind� „Mehr oder weniger sind wir alle verführbar, den Mit- menschen zu quälen� Auch die sind es, die solches weit von sich weisen� Sie wissen nur nicht, was sie tun�“2 Die Quellen der Lust an der Gewalt sind, so Mitscherlich weiter, nicht nur interpersonell zu deuten, durch die es unter bestimmten sozialen, politischen, wirtschaftlichen, militärischen Konstellationen zu Pervertierungen menschlicher Lüste kommt, sondern auch intrapersonell: „Die Quellen der Aggression sind vielmehr Quellen, die in uns fließen, zu unserer Natur gehören�“3 Was es heißt, das die Quellen der Aggression in uns fließen und vor allem zu unserer Natur gehören, wird hier von Mitscherlich nicht genauer erklärt� Für Mitscherlich gehört nun zum Wesen der Aggression, „‚das Zufügen von Verletzung oder wenigstens Schmerz‘“�4 Klar dürfte auch sein, dass Mitscherlich die menschliche Natur weder biologistisch, noch sexistisch noch naturalistisch- realistisch versteht, sondern sozial-kulturalistisch� Die Natur des Menschen muss demzufolge aus der Kultur seiner Körperpraktiken und der mit ihnen verbunde- nen Lustfunktionalität bzw� Funktionslust verstanden werden� In diesem Kontext soll hier der Versuch unternommen werden, zu erklären, wie und warum Men- schen Gewalt gegen sich praktizieren, warum sie sich Schmerzen zufügen, wie und warum sie grausam gegen...

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