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Von der Hysterie zur Magersucht

Adoleszenz und Krankheit in Romanen und Erzählungen der Jahrhundert- und der Jahrtausendwende

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Iris Schäfer

Die Adoleszenz geht nicht selten mit psychischen Krankheiten einher; mitunter erscheint sie selbst als eine Krankheit, die überwunden werden muss. Die Nähe von Adoleszenz und psychischer Krankheit ist ein prominentes Thema von Jugenderzählungen und Romanen der Zeit um 1900 und um 2000. Die berücksichtigten deutschsprachigen Adoleszenz- und Krankheitsdarstellungen beider Zeitabschnitte ähneln sich auf erstaunliche Weise. Neigten um die Jahrhundertwende adoleszente Figuren vermehrt zur Hysterie, so leiden sie um die Jahrtausendwende vielfach unter Magersucht. Beide Leiden erscheinen als Strategien, den während der Adoleszenz sich einstellenden psychischen Konflikten zu begegnen, diese zu verarbeiten und durch körperliche Signale nach außen hin sichtbar zu machen. Sowohl die Hysterie als auch die Magersucht kommunizieren über den Körper.

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4. Adoleszenz und Hysterie in derdeutschsprachigen Literatur um 1900

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79 4. Adoleszenz und Hysterie in der deutschsprachigen Literatur um 1900 Einleitung „Was Anna O� heilte, war nicht das, was ihr der psychoanalytische Pionier an Ein- sichten vermittelte, sondern es war die Veränderung ihrer Lebenssituation: Sie war zu alt geworden, um noch heiraten zu müssen�“270 Diese These Schmidbauers, die sich gänzlich von dem Prinzip der Heirat als Kur für hysterisches Verhalten abzugrenzen sucht, lässt sich kaum auf die hier berücksichtigten Erzählungen der Jahrhundertwende übertragen, was verdeutlicht, wie sehr diese ihrer Zeit verhaf- tet sind� Im Folgenden werden zwei Erzählungen weiblicher Autorinnen in den Blick genommen, Gabriele Reuters Roman Aus guter Familie. Leidensgeschichte eines Mädchens271 (1895) und Lou Andreas-Salomés Novelle Das Paradies (1899) aus dem Novellenzyklus Menschenkinder� In beiden Texten spielt die Heirat als zwangsläufiges und vermeintlich höchstes Ziel weiblichen Daseins eine besonde- re Rolle� Sie wird als Kur für hysterisches Verhalten, jedoch auch als traumatische Erfahrung und schließlich als unerreichbares Ideal thematisiert� Beide Texte wei- sen eine deutliche Nähe zu den psychoanalytischen Fallgeschichten Freuds und Breuers auf� Andreas-Salomés Novelle beginnt mit einem Traum der Protagonis- tin Hildegard� Laut Freud ermöglicht der Traum einen Einblick in das Unbewuss- te� Der erste Satz der Novelle: „Sie entfaltete ihre feinen, lichtgrauen Flügel und flog“272 eröffnet dem Leser tatsächlich einen Einblick in die verborgenen Wün- sche der Figur, die sich in die Schwerelosigkeit träumt und auf diese Weise ihrem älteren...

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