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Im intertextuellen Schlangennest

Adam Mickiewicz und polnisch-russisches (anti-)imperiales Schreiben

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Heinrich Kirschbaum

Die Monographie leistet einen Beitrag zu einer Forschungsrichtung, die man analog zur New Imperial History als Neue Imperiale Literaturgeschichte bezeichnen könnte.
Durch die Verbannung des polnischen Dichters Adam Mickiewicz nach Russland kam es in den 1820er Jahren zu einer in ihrer Intensität einmaligen Begegnung zwischen der polnischen und russischen Romantik. Paradigmatische Geltung haben vor allem die konfliktreichen Konstellationen zwischen Mickiewicz und Puškin. Im Kontext postkolonialer Ansätze zu Ostmitteleuropa untersucht das vorliegende Buch das intertextuelle Spannungsfeld, in dem die beiden Literaturen ihre (anti-)hegemonialen Schreibstrategien entwickelten und dabei kontroverse poetisch-politische Polen- und Russland-Figurationen entwarfen, die bis heute nachwirken.

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0. Methodisch-konzeptionelle Grundlegung

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Die Sprache verspricht (sich). Paul de Man (1979, 277) Нам не дано предугадать, Как слово наше отзовется… Wir vermögen es nicht vorauszuahnen, Wie unser Wort nachhallt.1 Fedor Tjutčev (1957, 270) Słowo stało się Ciałem, a Wallenrod – Belwederem. Das Wort ward Fleisch, Und Wallenrod – Belvedere.2 0.1. Einleitung. Kurzer Überblick über die Struktur der Monographie Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts trat die Ausformung des Selbstbewusstseins der europäischen Völker in ihre entscheidende Phase ein. In den Literaturen der jeweiligen Länder, die sich selbst als Nationalliteraturen definierten (und Dichter als Nationaldichter), erhielten Diskurse des Nationalen und Nationalstaatlichen ihre Prägung: Motive wurden zu Mythologemen, Metaphern zu Ideologemen, literarische Bilder zu kulturphilosophischen und politischen Koordinaten und umgekehrt. Dabei kam es zu paradox anmutenden Erscheinungen: Zwar wan- derten diese Themen und Topoi grenzüberschreitend von Land zu Land, von einer (poetischen und politischen) Kultur in die andere; dieses transkulturelle 1 Die Primärtexte werden in der vorliegenden Monographie original zitiert. Es wird auf die gängigen „klassischen“ Übersetzungen allein aus dem Grund verzichtet, da es sich in den meisten Fällen um konkrete lexikalische Konvergenzen handelt, die so wörtlich wie möglich übersetzt werden müssen, sogar auf Kosten ihres poetisch-ästhetischen Wertes. 2 Diese Formel, die die Verbindung zwischen Mickiewicz’ Verserzählung Konrad Wal- lenrod und dem Novemberaufstand (dem Sturm des Warschauer Belvedere-Palastes, des Sitzes des Großfürsten Konstantin Pavlovič) auf den Punkt bringt, wurde gleich zu Beginn der Rebellion am 29. November 1830 ausgesprochen. Ihre Autorschaft ist unklar: Man schrieb sie...

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