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Im intertextuellen Schlangennest

Adam Mickiewicz und polnisch-russisches (anti-)imperiales Schreiben

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Heinrich Kirschbaum

Die Monographie leistet einen Beitrag zu einer Forschungsrichtung, die man analog zur New Imperial History als Neue Imperiale Literaturgeschichte bezeichnen könnte.
Durch die Verbannung des polnischen Dichters Adam Mickiewicz nach Russland kam es in den 1820er Jahren zu einer in ihrer Intensität einmaligen Begegnung zwischen der polnischen und russischen Romantik. Paradigmatische Geltung haben vor allem die konfliktreichen Konstellationen zwischen Mickiewicz und Puškin. Im Kontext postkolonialer Ansätze zu Ostmitteleuropa untersucht das vorliegende Buch das intertextuelle Spannungsfeld, in dem die beiden Literaturen ihre (anti-)hegemonialen Schreibstrategien entwickelten und dabei kontroverse poetisch-politische Polen- und Russland-Figurationen entwarfen, die bis heute nachwirken.

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3. Autotextuelles (Gegen‑)Gift

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3. Autotextuelles (Gegen-)Gift 3.1. Virulente Trugbilder der Resignation: poetica viperina Die Schlange war schlauer als alle Tiere des Feldes, die Gott, der Herr, gemacht hat. Gen. 3,1 Die Romantik setzt sich gegen andere Strömungen in der polnischen Litera- tur des ersten Drittels des 19. Jahrhunderts durch, unter anderem weil sie die komplexe Lage Polens in ganz neuen, oft widersprüchlichen und zwiespälti- gen Bildern poetisch reflektiert. Ein bekanntes Beispiel dafür stellt – um einen hier bereits partiell analysierten Text zu erwähnen – Mickiewicz’ Gedicht Stepy Akermańskie dar. Das im Motiv des Fernwehs ausgetragene Pathos der Gren- zenlosigkeit impliziert sowohl den Aspekt der Freiheit bzw. der Befreiung als auch jenen der Unerreichbarkeit, der (Aus-)Weglosigkeit, Obdachlosigkeit und Ungewissheit. Der Held des ersten Krimsonetts sucht vergeblich nach den Weg- weisern (wohin?). Einer der Wegweiser befindet sich allerdings nicht nur in der unerreichbaren romantischen Ferne, sondern auch unmittelbar in der Nähe: Wie eine bedrohliche Schlange („wąż“) nistet im Helden die Erinnerung an seine unfreiwillig verlassene Heimat und unterwandert die Idylle. Ein ähnliches Verfahren der Verunsicherung bestimmt auch das Sonett Żegluga (Die Schifffahrt). Der Matrose bleibt im unsichtbaren Netz hängen („zawisł w niewidzialnej sieci“) wie eine Spinne („Jak pająk“, Mickiewicz 1826, 31). Auf das Gedicht Żegluga folgt das Sonett Burza (Der Sturm, Mickiewicz 1826, 32): Das Bild der Seefahrt wird dabei mit dem Motiv des Schiffbruchs ver- knüpft. Mickiewicz baut in sein lyrisches Erzählen Signalwörter und Bilder der Bedrohung ein, die die romantische...

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