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Verwandtschaft im «Reinhart Fuchs»

Semantik und Funktion von Verwandtschaft im mittelhochdeutschen Tierepos

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Nadine Hufnagel

Verwandtschaft wird heute vor allem als biologisches Faktum verstanden, sie ist aber auch ein vom historischen und kulturellen Kontext abhängiges soziales Konstrukt. Davon ausgehend stellt die Autorin die Frage, wie in einem konkreten (literar-)historischen Fall Verwandtschaft narrativ erzeugt und semantisiert wird. Sie arbeitet Zusammenhänge von Verwandtschaftssemantik mit höfischer Kommunikation heraus und richtet den Blick auf die Verknüpfung von Verwandtschaft mit anderen Themen der Erzählung wie Herrschaft und Gewalt. Die textnahe Interpretation zeigt, dass das mittelhochdeutsche Tierepos nicht in einer didaktischen Lesart im engeren Sinn aufgeht. Es stellt vielmehr Potentiale und Problemfälle mittelalterlicher Verwandtschaft zur Reflexion aus.

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4 Anmerkungen zur Erzählweise des ReinhartFuchs: Verwandtschaft der mere?

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107 4 Anmerkungen zur Erzählweise des Reinhart Fuchs: Verwandtschaft der mere? Aus Sicht der Forschung lässt sich der Reinhart Fuchs leicht in einer Tradition einordnen: Die Tierepik des Mittelalters von Fuchs und Wolf entsteht zunächst im klösterlichen Bereich.328 Wie die Branchen des altfranzösischen Roman de Renart mit dieser Traditionslinie oder mündlichen Traditionen in Zusammen- hang stehen, ist nicht zu erkennen.329 Der Fuchs Renart wird von der Erzählins- tanz jedoch, zumindest in Branche IV, als dem Publikum bereits bekannte Figur vorausgesetzt330 und in Branche I wird auf eine vorgängige schriftliche Tradition verwiesen.331 Dieser frankophone Zweig der Familie erwies sich als besonders fruchtbar332 und bietet auch die Vorlage für das mittelhochdeutsche Tierepos. Mit dem Reinhart Fuchs gerät ein eigenständiger deutschsprachiger Familienzweig jedoch, zumindest der heutigen Kenntnis nach, bereits am Anfang in eine Sack- gasse.333 Der Reynke de Vos, der 1498 in Lübeck gedruckt die deutschsprachige 328 Aus dieser mittellateinischen Tradition stammen Texte wie die Dichtung Ecbasis cui- usdam captivi per tropologiam, der dem Meister Nivardus zugeschriebene Ysengriums und dessen Bearbeitung Ysengrimus abbreviatus. So u. a. Schmidt-Wiegand 1996. S. 83, ebenfalls unter Verwendung von Verwandtschaftsterminologie: „Beide Verwandte, der Reinhart Fuchs und der Vos Reynaert, gehören einer Gattung an, die durch den mittellateinischen Ysengrimus begründet worden ist und mit dem altfranzösischen Roman de Renart eine weite, gesamteuropäische Verbreitung gefunden hat“. 329 Vgl. Berteloot 2005. S. 19–23; zur Geschichte des Stoffes vgl. auch Spiewok 1994. 330 Vgl. RdR....

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