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Verwandtschaft im «Reinhart Fuchs»

Semantik und Funktion von Verwandtschaft im mittelhochdeutschen Tierepos

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Nadine Hufnagel

Verwandtschaft wird heute vor allem als biologisches Faktum verstanden, sie ist aber auch ein vom historischen und kulturellen Kontext abhängiges soziales Konstrukt. Davon ausgehend stellt die Autorin die Frage, wie in einem konkreten (literar-)historischen Fall Verwandtschaft narrativ erzeugt und semantisiert wird. Sie arbeitet Zusammenhänge von Verwandtschaftssemantik mit höfischer Kommunikation heraus und richtet den Blick auf die Verknüpfung von Verwandtschaft mit anderen Themen der Erzählung wie Herrschaft und Gewalt. Die textnahe Interpretation zeigt, dass das mittelhochdeutsche Tierepos nicht in einer didaktischen Lesart im engeren Sinn aufgeht. Es stellt vielmehr Potentiale und Problemfälle mittelalterlicher Verwandtschaft zur Reflexion aus.

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5 Die Darstellung von Verwandtschaft als Element didaktischen Erzählens?

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Im Folgenden soll es darum gehen, anhand ausgewählter Szenen in der Analyse der Verwandtschaftsdarstellung im Reinhart Fuchs die Beschreibung der Funktion von Verwandtschaftsterminologie in der Figurenrede, wie sie im dritten Kapitel vorgenommen wurde, zu ergänzen. Dabei soll insbesondere die Auseinanderset- zung mit der Vorstellung im Vordergrund stehen, dass Verwandtschaft, vor al- lem derjenige Verband, der als sippe bezeichnet werden kann, und Friedlichkeit grundsätzlich irgendwie miteinander gekoppelt seien355 oder Sippenzugehörigkeit sogar zu solidarischem Verhalten verpflichte.356 Solche Vorstellungen prägen ins- besondere die von Claude Lévi-Strauss‘ Überlegungen angeregten literaturwis- senschaftlichen Arbeiten.357 Zwar wird auch darin zugestanden, dass Friedlichkeit und Solidarität in literarischen Texten in verschiedenen Situationen erprobt und problematisiert werden, dennoch wird ihnen der Status „rudimentäre[r] Regeln sippeninternen Verhaltens“358 zugestanden, die den literarischen Spielraum ein- schränken (und damit auch nicht einer spezifischen literarischen Gestaltung die- nen). So kommt Delabar in Bezug auf Wolframs Parzival zu dem Schluss, dass die 355 Przybilski formuliert dies in seiner methodischen Vorarbeit vorsichtig und sorgfäl- tig aus der Etymologie des Terminus sippe abgeleitet: „Das Mittelhochdeutsche hat die Möglichkeit verloren, pax mit sippe wiederzugeben, man kann allerhöchstens schließen, daß der Verwandtengruppe, die mit sippe bezeichnet wird, eine bestimmte Affinität zum Frieden zugeschrieben wird, bzw. daß innerhalb der sippe ein beson- derer Frieden herrscht“ (Przybilski 2000. S. 54). „Die Aufgaben der sippe werden im Gegensatz zu den verschiedenen Thesen zu ihrer Entwicklungsgeschichte über- einstimmend als Einbettung in übergeordnete allgemeine Schutz[…]systeme ver- standen“ (ebd....

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