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Das kulturelle Gedächtnis Europas im Wandel

Literatur über Shoa und Gulag

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Edited By Karol Sauerland and Yvonne Pörzgen

Die Autorinnen und Autoren der Beiträge gehen davon aus, dass eine Erinnerung an die Greuel des zwanzigsten Jahrhunderts, die sowohl den Gulag als auch die Shoa umfasst, zu den Grundvoraussetzungen politischer und gesellschaftlicher Annäherung in Europa gehört. Die Texte leisten eine Zusammenschau des Schreibens über Lagererfahrung in unterschiedlichen Kulturräumen und loten das Spannungsfeld zwischen der literarischen Darstellung der Entmenschlichung und der rhetorischen Distanz der Erzähler gegenüber dem Geschehenen aus. Sie lenken darüber hinaus ihre Aufmerksamkeit auf die Art, wie das millionenfache Leid künstlerisch verarbeitet wird. Wenngleich Adornos Verdikt, nach Auschwitz verbiete sich jede Kunst über Auschwitz, immer weniger Anhänger findet, so bleibt doch die Frage, wie Literatur diesem Leid gerecht werden kann.

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Zum Muselmann werden: Zur Darstellung der Entmenschlichung in der autobiographischen Zeugnisliteratur (Inge Kleemann)

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Inge Kleemann Zum Muselmann werden: Zur Darstellung der Entmenschlichung in der autobiographischen Zeugnisliteratur 1. Einleitung In der Sprache der Konzentrations- und Vernichtungslager bezeichnete das Wort Muselmann männliche und weibliche Lagerhäftlinge im Zustand der äußers- ten Erschöpfung� Der Auschwitz-Überlebende Herrmann Lang bein erläutert in seiner soziologisch-psychologischen Studie Menschen in Auschwitz, dass dieser Begriff „die zerstörten Menschen“1 benannte� Primo Levi charakterisiert die Muselmänner als „Menschen in Auflösung“2 und zeigt eine weitere aufschluss- reiche Perspektive auf, einen Blick, der die Häftlinge anhand ihrer Arbeitsfähig- keit und Überlebenschancen katego ri siert: „Mit Muselmann bezeichneten die Lagerveteranen aus mir un er find lichen Gründen die schwachen, untauglichen und selektionsreifen Häft lin ge�“3 Beiden Überlebenden gilt der Muselmann als die „Leitfigur von Auschwitz“4; die Muselmänner bildeten den „Nerv des Lagers, […] die anonyme und stets erneuerte Masse schweigender, marschierender und sich abschuftender Nichtmenschen“�5 Das mit dem Begriff Muselmann bezeichnete Phänomen ist aufs Engste mit der Frage nach den Grenzen der Zeugenschaft über den Holocaust verknüpft�6 In Die Untergegangenen und die Geretteten setzt Primo Levi sich mit seiner Rolle als Zeuge auseinander� Er beschreibt sich selbst als ‚superstes‘, als Überlebenden eines verheerenden Ereignisses, der über seine Erfahrung berichtet und für die Toten 1 Langbein, Hermann: Menschen in Auschwitz. Ullstein Verlag: Frankfurt am Main, Berlin, Wien 1980, S� 113� 2 Levi, Primo, aus dem Italienischen übersetzt von Riedt, Heinz: Ist das ein Mensch? Deutscher Taschenbuch Verlag:...

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