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Aberglaube und Unverstand in der Lehre von Versuch und Rücktritt

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Martina Oberhofer

Die Autorin analysiert Unterschiede und Parallelen zwischen grob unverständigen und irrealen Versuchs- bzw. Rücktrittshandlungen. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass die gegenwärtige Ungleichbehandlung solcher Irrtümer sachwidrig ist und das geltende Recht keine befriedigende Lösung bietet. Deshalb unterbreitet die Autorin einen eigenen Vorschlag einer Gesetzesänderung, in dem sie sich für eine Entkriminalisierung beim Versuch ausspricht. In der gegenteiligen Rücktrittssituation führt die Gesetzesauslegung zur Versagung einer Strafbefreiung bei beiden Irrtumsarten. Auf diese Weise entwickelt sie ein stimmiges Konzept bei der Strafbegründung und Strafaufhebung, welches zudem mit Blick auf eine künftige Europäisierung des Strafrechts mit einem europäischen Gesamtkonzept kompatibel ist.

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1. Teil: Der grob unverständige Versuch

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23 1. Teil: Der grob unverständige Versuch „Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“ (Albert Einstein) A. Die geschichtliche Entwicklung I. Die Entstehung des § 23 Abs. 3 StGB Die geltende strafgesetzliche Regelung des § 23 Abs. 3 StGB geht auf § 27 Abs. 3 des Entwurfs von 1962 zurück.3 Sie ist zusammen mit den übrigen Vorschriften dieses Abschnitts durch das 2. Strafrechtsreformgesetz vom 4.7.1969 (2. StrRG) in das Strafgesetzbuch eingeführt worden4 und mit Wirkung vom 1.1.1975 in Kraft getreten. Ihr Vorbild hat die Norm in Art.  23 Abs.  2 a. F. des schweize- rischen Strafgesetzbuchs gefunden, welche auch den abergläubischen Versuch erfasste.5 In Deutschland ist es hingegen umstritten, ob die Unverstandsregelung auch den abergläubischen Versuch regelt. Bis es zur Einführung dieser Strafrechtsvorschrift kam, musste ein langer Weg mit einer Vielzahl von Meinungsstreiten zurückgelegt werden. 1. Der frühere Rechtszustand Die Frage der Strafbarkeit grob unverständiger und abergläubischer Versuche wurde in der Rechtswissenschaft mindestens seit Feuerbach6 kontrovers disku- tiert. Heftige Bestrebungen zur Begrenzung der Versuchsstrafbarkeit durch eine Unverstandsklausel lassen sich schon Mitte des 19. Jahrhunderts verzeichnen.7 Der Weg zu einer weitgehenden Einigung zwischen Gesetzgebung, Rechtspre- chung und Strafrechtslehre dauerte mehr als ein Jahrhundert. Die Ursache für die lange Annäherung lag in der theoretischen Kontroverse darüber, ob der Ver- suchsbestrafung eine objektive oder eine subjektive Theorie zugrundezulegen 3 Begr. E 1962 – BT-Drucks. IV/650 S. 145. 4 BGBl. I...

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