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Rechtsklugheit

Beitrag zu einer Rhetorischen Rechtstheorie

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Christian Nierhauve

Rechtsklugheit – Jurisprudenz – ist nicht Rechtswissenschaft. Die Rechtsklugheit ist die menschliche Fähigkeit, in einer kontingenten Praxis situationsangemessene Entscheidungen zu treffen; verstanden als eine habitualisierte Denk- und Handlungsweise vom begründenden Reden und begründeten Entscheiden. Idealvorstellungen von Rechtswissenschaft, Rechtslogik, Rechtsrationalität und Rechtsmethodik dominieren in der Gegenwart das rechtstheoretische Angebot der Selbstbeschreibungsmuster. Der vorwissenschaftliche Begriff Rechtsklugheit hingegen findet kein theoretisches Interesse. Angeregt durch die Vorarbeiten aus der sogenannten Rhetorischen Rechtstheorie schlägt der Verfasser die Rechtsklugheit im Reflexionsrahmen von praktischer Philosophie, Topik und Rhetorik als Bezeichnung für eine juridische Denk- und Handlungsweise vor.

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Teil 1 – Rechtsklugheit als Desiderat einer Rhetorischen Rechtstheorie

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„(…) Die Jurisprudenz wird zur bloßen Rechts- technik, wenn sie sich nicht um ihre Grundlagen kümmert. Deshalb bezeichnen wir ja auch eine juristische Arbeit dann und nur dann als rechtswis- senschaftlich, wenn sie irgendeinen Grundlagenbe- zug aufweist. (…)“ Theodor Viehweg I. Theodor Viehwegs Topik und Jurisprudenz Im Jahre 1953 veröffentlichte Theodor Viehweg seine knappe, aber vielbeach- tete und heftig diskutierte Abhandlung13 Topik und Jurisprudenz. In dieser Schrift widmete er sein Erkenntnisinteresse der Struktur des juris- tischen Denkens,14 die er im Ergebnis als ein besonderes Verfahren der Prob- lemerörtung rekonstruiert15 und dessen gedankliche Ordnungsleistung sich für ihn am trefflichsten anhand der sog. Topik beschreiben lässt. 1. Viehwegs Topikthese als rechtsphilosophischer Standpunkt im Kontext juridischer Selbstbeschreibung Beweggrund für die Neubesprechung der aus der Antike stammenden Topik und die Betonung ihrer zeitlosen Bedeutung für das juristische Denken war Viehweg die damals wie heute vorherrschende Vorstellung von der Verwissenschaftlichbar- keit der Jurisprudenz.16 Es „(…) entspricht dem Wunsche der neuzeitlichen abend- ländischen Kontinentalkultur, die Jurisprudenz als Wissenschaft zu verstehen,“17 konstatiert Viehweg als rechtsphilosophiegeschichtlichen Befund in seinem Trak- tat; ein Befund der nicht allein der Wahrnehmung Viehwegs entsprang, sondern 13 Statt Vieler siehe zusammenfassend zur Debatte um die Schrift Launhardt, Topik und Rhetorische Rechtstheorie, Frankfurt am Main 2010, S. 1 m. w. N. 14 Viehweg, Topik und Jurisprudenz, 5. Aufl., München 1974, S. 13. 15 Viehweg a.a.O. S. 14. 16 Viehweg a.a.O. S. 81. 17 Ebda. 24 der sein geistesgeschichtliches Zeugnis in der Wortschöpfung Rechtswissenschaft fand...

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