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Rechtsklugheit

Beitrag zu einer Rhetorischen Rechtstheorie

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Christian Nierhauve

Rechtsklugheit – Jurisprudenz – ist nicht Rechtswissenschaft. Die Rechtsklugheit ist die menschliche Fähigkeit, in einer kontingenten Praxis situationsangemessene Entscheidungen zu treffen; verstanden als eine habitualisierte Denk- und Handlungsweise vom begründenden Reden und begründeten Entscheiden. Idealvorstellungen von Rechtswissenschaft, Rechtslogik, Rechtsrationalität und Rechtsmethodik dominieren in der Gegenwart das rechtstheoretische Angebot der Selbstbeschreibungsmuster. Der vorwissenschaftliche Begriff Rechtsklugheit hingegen findet kein theoretisches Interesse. Angeregt durch die Vorarbeiten aus der sogenannten Rhetorischen Rechtstheorie schlägt der Verfasser die Rechtsklugheit im Reflexionsrahmen von praktischer Philosophie, Topik und Rhetorik als Bezeichnung für eine juridische Denk- und Handlungsweise vor.

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Teil 2 – Der Begriff der Jurisprudenz und das Fehlen einer römischen Rechtsphilosophie

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„Mein Freund, die Zeiten der Vergangenheit sind uns ein Buch mit sieben Siegeln. Was ihr den Geist der Zeiten heißt, das ist im Grund der Herren eigner Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln.“ Johann Wolfgang von Goethe I. Das Problem einer geistesgeschichtlichen Verortung der Rechtsklugheit Die lakonische Aufforderung, das Recht wieder als eine prudentia iuris zu begrei- fen, könnte suggerieren, dass die rechtsphilosophiegeschichtliche Forschungs- literatur über eine lexikalische Bestimmung der Jurisprudenz verfügt, die als argumentum a nomine eines bestimmten ursprünglichen Verständnisses gilt, oder dass man die frühen vorfindlichen Abhandlungen eines Denkers der ersten Stunde konsultieren kann, in denen er auf eine philosophische Verknüpfung von ius und prudentia abhebt und den Begriff so auf den festen Boden umfänglicher Traktatsammlungen stellt. Für eine derartige Handhabe fehlt es dem Begriff je- doch deutlich an semantischer Griffigkeit und geistesgeschichtlicher Fassbarkeit. Er muss vielmehr vorläufig wie ein Palimpsest behandelt werden, auf dem sich die wechselnden Geistesströmungen der europäischen Rechtskultur eingeschrieben haben. Die überlagerten Einschreibungen verdichten sich nicht zu einer zeiterha- benen, Originärsinn konservierenden Zeichenfolge, sondern vermischen sich zu einer interpretationsbedürftigen Interpretationsgemengelage. Jede Interpretation einer Wiederbeschreibung ist bloß die ausschnitthafte Neukontextualisierung ei- nes gedeuteten Motivs und wird so selbst zu einer Wiederbeschreibung der Wie- derbeschreibung. Als Ursachen für die fluide Semantik des Begriffes Jurisprudenz sind vor allem zwei kumulierende Gründe zu nennen, die sich der römischen Rechtsgeschichte entnehmen lassen: Zum einen sehen sich die Romanisten bei der philosophisch-...

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