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Rechtsklugheit

Beitrag zu einer Rhetorischen Rechtstheorie

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Christian Nierhauve

Rechtsklugheit – Jurisprudenz – ist nicht Rechtswissenschaft. Die Rechtsklugheit ist die menschliche Fähigkeit, in einer kontingenten Praxis situationsangemessene Entscheidungen zu treffen; verstanden als eine habitualisierte Denk- und Handlungsweise vom begründenden Reden und begründeten Entscheiden. Idealvorstellungen von Rechtswissenschaft, Rechtslogik, Rechtsrationalität und Rechtsmethodik dominieren in der Gegenwart das rechtstheoretische Angebot der Selbstbeschreibungsmuster. Der vorwissenschaftliche Begriff Rechtsklugheit hingegen findet kein theoretisches Interesse. Angeregt durch die Vorarbeiten aus der sogenannten Rhetorischen Rechtstheorie schlägt der Verfasser die Rechtsklugheit im Reflexionsrahmen von praktischer Philosophie, Topik und Rhetorik als Bezeichnung für eine juridische Denk- und Handlungsweise vor.

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Teil 3 – Die Rekonstruktion der Rechtsklugheit anhand der praktischen Philosophie des Aristoteles

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65 Teil 3 – Die Rekonstruktion der Rechtsklugheit anhand der praktischen Philosophie des Aristoteles „Es gibt nichts Gutes, außer: Man tut es.“ Erich Kästner I. Der Begriff der Klugheit in der praktischen Philosophie des Aristoteles „Wenn nach Whitehead die Geschichte der Philosophie eine Sammlung von Fuß- noten zu Platon ist, besteht die Geschichte der Klugheitsethik im Wesentlichen aus Kommentierungen der aristotelischen Fußnote zur phronēsis.“156 Mit diesen Worten erklärt Andreas Luckner in seiner Arbeit zur Klugheit, warum eine Untersuchung dieses Begriffs mit der Rezeption der aristotelischen Lehre zur phronēsis beginnen muss. Aristoteles gilt als „erster Theoretiker“157 der Klug- heit. Seine Ausarbeitungen im VI. Buch der Nikomachischen Ethik dienen der Philosophie immer wieder als wichtigste geistesgeschichtliche Quelle für ein his- torisch gewordenes, vergessenes Klugheitsverständnis. Um das Klugheitsmodell des Weisen aus Stagira erfassen zu können, muss man es in seiner Verwobenheit mit den ethischen Überlegungen in der Nikomachischen Ethik nachvollziehen. Nur so erlangt man eine klare Vorstellung von der verzweigten Feingliedrigkeit seines Klugheitsverständnisses. Die Kenntnis des aristotelischen Klugheitsbegriffes ist in dem hier überge- ordnet interessierenden rechtsphilosophischen Kontext gerade deshalb von he- rausragender Bedeutung, weil die Klugheit des Klugen nach Aristoteles jene Grundhaltung ist, die es dem Menschen ermöglicht, das menschliche Wohlerge- hen in einer kontingenten Praxis tätig zu verwirklichen. Gerade jene Bedingungen der Praxis – des Handlungsvollzuges – reflektiert Aristoteles in einem grundlegenden ethischen Modell. Ein Grundmodell, das, wie Ursula Wolf es hervorhebt, „anders als die spätere Philosophie das Prak-...

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