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Rechtsklugheit

Beitrag zu einer Rhetorischen Rechtstheorie

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Christian Nierhauve

Rechtsklugheit – Jurisprudenz – ist nicht Rechtswissenschaft. Die Rechtsklugheit ist die menschliche Fähigkeit, in einer kontingenten Praxis situationsangemessene Entscheidungen zu treffen; verstanden als eine habitualisierte Denk- und Handlungsweise vom begründenden Reden und begründeten Entscheiden. Idealvorstellungen von Rechtswissenschaft, Rechtslogik, Rechtsrationalität und Rechtsmethodik dominieren in der Gegenwart das rechtstheoretische Angebot der Selbstbeschreibungsmuster. Der vorwissenschaftliche Begriff Rechtsklugheit hingegen findet kein theoretisches Interesse. Angeregt durch die Vorarbeiten aus der sogenannten Rhetorischen Rechtstheorie schlägt der Verfasser die Rechtsklugheit im Reflexionsrahmen von praktischer Philosophie, Topik und Rhetorik als Bezeichnung für eine juridische Denk- und Handlungsweise vor.

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Teil 4 – Rechtsklugheit als Denk- und Handlungsweise

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„Handeln und Sprechen bewegen sich in dem Be- reich, der zwischen Menschen qua Menschen liegt, sie richten sich unmittelbar an die Mitwelt, in der sie die jeweils Handelnden und Sprechenden auch dann zum Vorschein und ins Spiel bringen, wenn ihr eigentlicher Inhalt ganz und gar »objektiv« ist, wenn es sich um Dinge handelt, welche die Welt angehen, also den Zwischenraum, in dem Men- schen sich bewegen und ihren jeweiligen, objektiv- weltlichen Interessen nachgehen. Diese Interessen sind im ursprünglichen Wortsinne das, was ›inter-erst‹, was dazwischen liegt und die Bezüge herstellt, die Menschen miteinander verbinden und zugleich voneinander scheiden.“ Hannah Arendt Durch die vorangegangenen Ausführungen ist es nun zum Abschluss möglich, den Aussagegehalt der Rechtsklugheit in Verbindung mit Viehwegs topischer Jurisprudenz auszubuchstabieren. Im Zuge der hier vollzogenen Rezeption Viehwegs Traktat aus Topik und Jurisprudenz wurde bereits eingangs knapp und thetisch bemerkt, dass dessen aporetisch zugeschnittene Topikinterpretation sich nur dann sinnvoll denken lässt, wenn man sie als den argumentationstheore- tischen Beitrag zu einer juristischen Handlungs- und Entscheidungslehre liest. Die Topik als technē der Problembehandlung dient, so hieß es zu Beginn der hier niederlegten Ausführungen, nicht der reinen intellektuellen Übereinbringbarkeit von Meinungen, sondern zielt darauf ab, eine Handlung in Gang zu setzen oder zumindest eine Neigung zur Handlung zu evozieren.445 Es wurde behauptet, dass Viehweg ein Modell juristischen Denkens skizziert, das unausgesprochen seine Verflechtung in eine ethische Handlungslehre stets mitdenkt. Das Unausgespro- chene wird nun im hier hergestellten Kontext präzise formulierbar. Es wird deut- lich, dass die...

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