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Der Brief im deutschen Drama des 18. und 19. Jahrhunderts

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Irene Rupp

Briefe spielen im deutschen Drama und Theater des 18. und 19. Jahrhunderts eine auffallend gewichtige Rolle. Sie sind häufig, werden vielfältig variiert und kreativ inszeniert. Am Schnittpunkt von Literatur-, Theater- und Medienwissenschaft beweist die Autorin in zahlreichen Einzelanalysen, dass Briefe weit mehr sind als eine dramaturgische Bequemlichkeit, sondern bewusst gebrauchtes und höchst wirkungsvolles Stilmittel. Aus wiederkehrenden Mustern und Motiven erstellt sie einen umfassenden Katalog von Funktionen und Wirkungsweisen des Briefs im Drama. Er gibt Auskunft über die ästhetischen Strategien, die wichtige Bausteine zur Interpretation einzelner Dramen und zur Beschreibung von Gattungskonventionen und -traditionen der Zeit zwischen Aufklärung und Frührealismus sind.

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2. Geschichte des Briefs und des Dramas

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29 2. Geschichte des Briefs und des Dramas 2.1 Der Brief im 18. und 19. Jahrhundert Der zeitliche Zusammenhang zwischen dem vermehrten Auftreten von Briefen im Drama und dem allgemeinen Aufstieg des Privatbriefs im 18. Jahr- hundert ist offensichtlich, wenn auch als alleinige Erklärung für die große Popularität dieses dramatischen Mittels nicht hinreichend. In dem Zeitraum jedenfalls, der den zeitlichen Rahmen meiner Untersuchung bildet, nahm der private Briefverkehr an Umfang und Bedeutung enorm zu, weshalb oft vom sogenannten ‚Briefzeitalter‘ oder auch dem ‚Jahrhundert des Briefes‘ die Rede ist. Der rasante wirtschaftliche Aufstieg des Bürgertums, die guten Bildungs- verhältnisse mit einer rasch ansteigenden Alphabetisierungsrate in dieser Ge- sellschaftsschicht und nicht zuletzt ein zunehmend leistungsfähiges Postwesen mit gut ausgebauten und sicheren Verkehrswegen47 hatten diese Entwicklung entscheidend befördert. Weite Kreise des gebildeten Bürgertums korrespon- dierten regelmäßig und ausgiebig, schafften sich so private Freiräume, die ihnen politisch-gesellschaftlich noch weitgehend verwehrt blieben, und damit „freie Beziehungen jenseits von Klassenschranken und politischen Zwängen, stän- dischen und anderen sozialen Unverträglichkeiten“48, frei auch von familiären und beruflichen Verpflichtungen. Thematisch wie stilistisch wandte sich seit der Aufklärung der Brief vom geschäftsmäßigen und formelhaften Kanzleistil und den überstilisierten galan- ten Briefen der vorhergehenden Stilepochen ab und entwickelte sich zum Me- dium des privaten, ja intimen Gedankenaustauschs zwischen zwei Menschen, aber auch zum Medium der Selbstaussprache und der bürgerlichen Selbstver- gewisserung. Das Bürgertum lernte, sich und seine geistigen und ideellen...

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