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Evolutionär orientierte Bioethik im Zeitalter der Life-Sciences

Einführung in die nichtmedizinische Bioethik aus hermeneutisch-phänomenologischer Perspektive

Bernhard Irrgang

Der Autor entwirft einerseits eine Bioethik für den nichtmenschlichen Bereich, die die naturwissenschaftliche Zugangsweise der Evolutionsforschung insbesondere ethologischer Art (Verhaltensforschung) mit der molekularbiologischen Rekonstruktion des Lebendigen verbindet. Er konkretisiert andererseits den Gerechtigkeitsgrundsatz einer Gleichbehandlung unter vergleichbaren Umständen. Dies geschieht mithilfe des empirisch modellierbaren Kriteriums anwachsender Komplexität der Möglichkeiten von Lebewesen zu intelligentem Sozialverhalten. Damit setzt er sich von den bisherigen utilitaristischen und anthropomorphen Kriterien wie Schmerzempfindungsfähigkeit, Glück, Lebenswillen, Interessen oder Tierwürde ab.

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0. Bioethik im Zeitalter der Life-Sciences

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90. Bioethik im Zeitalter der Life-Sciences Nicht das Leben selbst wirft die meisten bioethischen Probleme auf, sondern der technische Umgang mit Lebendigem. Nehmen wir gleich am Anfang ein provozierendes Beispiel: Befruchtung ist ein Vorgang, der nichts spezifisch Menschliches an sich hat, sondern z. B. bei Säugetieren hunderttausend oder millionenfach abläuft. Natürlicherweise stand und steht am Anfang einer menschlichen Embryonalentwicklung ein Befruchtungsvorgang mit menschlichen Genen. Heute kann dieser Vorgang technisch erzwungen (Mi- kroinjektion des Spermas in die Eizelle) oder durch den Vorgang des Klo- nens, bald auch durch den der Stimulation einer weiblichen Eizelle ersetzt werden. Geboren wird in allen drei Fällen ein Mensch. Alle drei technischen Alternativen nutzen das natürliche Entwicklungspotential weiblicher Ei- zellen. Natur kann also nicht die Entscheidungsgrundlage für die Auswahl einer technischen Methode abgeben. Aber lässt sich aus der Analyse der technischen Handlung alleine ihre ethische Bewertung ableiten? Vorsicht erscheint angebracht. Die Lage der Bioethik als Bereich anwendungsorientierter Ethik ist kei- neswegs beneidenswert. Oft ersetzt emotionale Betroffenheit die erforder- liche ethische Argumentation. Eine einheitliche Verwendung des Terminus Bioethik gibt es nicht. Die Vorsilbe „Bio“ bezieht sich nach einer verbrei- teten Sichtweise auf die Biomedizin und die Biotechnologie; Ethik meint die theoretische bzw. philosophische Beschäftigung mit Fragen der Mo- ral. Bioethik ist nicht deckungsgleich mit Medizinethik, die bisweilen auf normative Fragen im Arzt-Patienten-Verhältnis beschränkt wird. Einige Theoretiker beziehen die Vorsilbe „Bio“ generell auf das Leben und alles Lebendige. Dieser Interpretation zufolge gehören auch die Tierethik und die...

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