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Tödliche Maskeraden

Julius Streicher und die «Lösung der Judenfrage»

Franco Ruault

Für Adolf Hitler war er der Inbegriff des Nationalsozialismus. Heinrich Himmler kopierte seine Verfolgungspraktiken gegen Juden und andere Deutsche. Und die «Deutsche Volksgemeinschaft» erkannte sich in ihm wie in einem Spiegelbild: Julius Streicher, der berüchtigte Herausgeber der Hetzzeitschrift Der Stürmer war der bedeutendste Schrittmacher der deutschen Judenverfolgung lange vor der Machtergreifung. Er schuf das Feindbild des «jüdischen Rassenschänders», gründete die einflussreichste NS-Hetzzeitschrift und forcierte maßgeblich die «Nürnberger Blutschutzgesetze». Wie ist es dabei zu erklären, dass das Leben und Wirken dieses Intimfreundes von Adolf Hitler bis heute selbst in Fachkreisen fast gänzlich unbekannt ist? Warum sträubt sich die Forschung bis heute gegen die Aufarbeitung des enormen Erfolges dieses «Berufsantisemiten»? Und welcher Art war die von ihm ausgehende Faszination, dass selbst Unternehmerpersönlichkeiten wie Martin Hilti aus dem Fürstentum Liechtenstein in ihren Jugendjahren glühende Verehrer von Julius Streicher waren, diesen in ihrem Kampf gegen «Rassenschande» kopierten und ebenso bedingungslos die Vernichtung der jüdischen Rasse fordern konnten? Nach seiner grundlegenden Studie « Neuschöpfer des deutschen Volkes» – Julius Streicher im Kampf gegen «Rassenschande» analysiert der Politikwissenschafter Franco Ruault in seiner neuesten Arbeit ein weiteres tabuisiertes Kapitel der NS-Entstehungs- und Wirkungsgeschichte: das Leben und Wirken von Julius Streicher im Kontext der «Lösung der Judenfrage».
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4. Die «Lösung der Judenfrage»

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4.Die «Lösung der Judenfrage»

Ein gewisser «Verein zur planmäßigen Ausrottung der Juden, Zweigstelle Pforzheim», schrieb am 3. August 1933 an den jüdischen Besitzer der Wäschefabrik Sigmann in Pforzheim:

«Jeder Jude der sich nach dem 5. August noch aufhält in Deutschland ist ein Kind des Todes. Wenn alle Juden dann beisammen sind in Jerusalem, wird vom Flugzeug aus, Adolf Hitler eine Ansprache halten. Es empfiehlt sich Gasmasken mitzunehmen, da dann die Möglichkeit nicht ausgeschlossen ist, dass von Seiten der Regierung Hitler hunderte von Flugzeuge über Jerusalem schwärmen und dann, wenn das auserwählte Volk Gottes alles beisammen ist, ein Gas-Luftangriff macht. Wir greifen jetzt zum Radikalmittel der planmäßigen Judenausrottung. Mit vorzüglicher Verachtung».1

Nicht erst ab 1933, dem «Jahr der Deutschen», wie Julius Streicher es nannte, sondern bereits Jahre vorher machten sich in der deutschen Gesellschaft starke Wunschimpulse nach der weltweiten Vernichtung all dessen bemerkbar, was als jüdisch bezeichnet wurde. Hierzu schrieben sich Stereotypisierungen in ein spezifisch kodiertes Feindbild, des «jüdischen Rassenschänders» ein, zu dessen Visualisierung und Popularisierung Julius Streicher entscheidend beitrug. Zu den größten Herausforderungen zählt in diesem Kontext die Beantwortung der Frage, ob, und wenn ja, in welcher Weise ein Zusammenhang zwischen Streichers Haltung in der «Judenfrage», der Popularisierung seines Feindbildes des «jüdischen Rassenschänders» und der «Endlösung der Judenfrage» besteht. Dabei stellt sich die Frage nach dem Umfang und der Art des Wirkens Streichers, um diese...

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