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«Neuschöpfer des deutschen Volkes»

Julius Streicher im Kampf gegen «Rassenschande»

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Franco Ruault

Wie ist das abstrakte Feindbild des «jüdischen Rassenschänders» zustande gekommen? Welche politischen Strategien, welche Mechanismen von Herrschaft und Unterwerfung verbergen sich dahinter? Wie war es möglich, dass die antisemitischen Sexualphantasien von Rassenschändung die deutsche Gesellschaft in nur wenigen Jahren durchdringen und durch das Wirken von Julius Streicher zur «Kampfgemeinschaft» formen konnten? Diese Arbeit versucht erstmals die Textur jenes Verbrechens zu entschlüsseln, auf welcher der Vorwurf von «Rassenschande» beruht, und zugleich die Ordnung der Wunden, die Matrix des nationalsozialistischen Rassendenkens aufzuzeigen. Der «jüdische Rassenschänder», wie ihn Streicher popularisiert hatte, tritt inmitten Europas in einem seiner modernsten Staaten auf: am Umbruch einer Modernisierungsschwelle, an welcher die deutsche Gesellschaft nicht nur durch soziale, politische und religiöse Erosionsbewegungen zu zerbersten drohte, sondern an der auch gesellschaftliche Alteritäten in den Blick genommen wurden. Aus dem Gegensatz dieser Politikvorstellungen soll erstmals die wohl populärste Variante nationalsozialistischer Judenfeindschaft, die obszöne, sadistische Judenhetze gegen so genannte «jüdische Rassenschändung» deutscher Frauen und Mädchen, wie sie maßgeblich durch Streicher betrieben und forciert worden war, inhaltlich analysiert und in einen historisch-politischen Kontext gestellt werden.
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2. Der Kampfbegriff „Rassenschande“

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2.Der Kampfbegriff „Rassenschande“

Der Begriff „Rassenschande“, seine Struktur, sein historisches Auftauchen, seine wechselhafte Geschichte, aber auch die verschiedenen Bedeutungsinhalte, mit welchen er von einer Vielzahl politischer Agitatoren aus den unterschiedlichsten Lagern beladen worden war, ist bis heute nicht untersucht worden. Diese, für eine präzise Beurteilung der nationalsozialistischen Rassenpolitik bis zur Verkündung der „Nürnberger Rassengesetze“ erforderliche Analyse, soll im Folgenden vorgenommen werden. Dabei soll neben der begriffsgeschichtlichen Betrachtung von „Rassenschändung“ ebenfalls die Struktur des dabei ins Spiel tretenden Rassendiskurses auf seine historische Herkunft befragt werden. Erst hierdurch soll die strategische Verwendung dieses politischen Kampfbegriffes, nicht nur in der Judenpolitik, wie sie Julius Streicher massgeblich mitgeprägt hatte, sondern in einen politischen Prozess eingeordnet werden, welcher bereits über ein Jahrzehnt vor Streichers judenfeindlichen Politisierung wirksam geworden war. Darüber hinaus kann die damit eingeschlagene Analyse Interpretationsmuster anbieten, die es erlauben, selbst den obszönen Sadismus in Streichers Hetze gegen „jüdische Rassenschänder“ in einen plausiblen historischen Kontext zu stellen; ein Kontext, dessen Verständnis nur dadurch gewonnen werden kann, wenn in die Analyse das diskursive Umfeld einbezogen wird, in welchem sich die Sorgen um „Rassenschande“ in Deutschland erstmals artikulieren. Um nachzeichnen zu können, wie es dazu gekommen war, dass Streicher ausgerechnet den Begriff „Rassenschande“ mit ganz bestimmten Bedeutungen versehen konnte, um darüber hinaus einen Mythos zu kreieren, der weit über seine individuellen, wie auch die zu jener Zeit in Erscheinung tretenden kollektiven „Verwundungen“ hinausgreifen sollte, werden wir seinen biographischen Entwicklungslinien eine Untersuchung...

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