Show Less
Restricted access

«Neuschöpfer des deutschen Volkes»

Julius Streicher im Kampf gegen «Rassenschande»

Series:

Franco Ruault

Wie ist das abstrakte Feindbild des «jüdischen Rassenschänders» zustande gekommen? Welche politischen Strategien, welche Mechanismen von Herrschaft und Unterwerfung verbergen sich dahinter? Wie war es möglich, dass die antisemitischen Sexualphantasien von Rassenschändung die deutsche Gesellschaft in nur wenigen Jahren durchdringen und durch das Wirken von Julius Streicher zur «Kampfgemeinschaft» formen konnten? Diese Arbeit versucht erstmals die Textur jenes Verbrechens zu entschlüsseln, auf welcher der Vorwurf von «Rassenschande» beruht, und zugleich die Ordnung der Wunden, die Matrix des nationalsozialistischen Rassendenkens aufzuzeigen. Der «jüdische Rassenschänder», wie ihn Streicher popularisiert hatte, tritt inmitten Europas in einem seiner modernsten Staaten auf: am Umbruch einer Modernisierungsschwelle, an welcher die deutsche Gesellschaft nicht nur durch soziale, politische und religiöse Erosionsbewegungen zu zerbersten drohte, sondern an der auch gesellschaftliche Alteritäten in den Blick genommen wurden. Aus dem Gegensatz dieser Politikvorstellungen soll erstmals die wohl populärste Variante nationalsozialistischer Judenfeindschaft, die obszöne, sadistische Judenhetze gegen so genannte «jüdische Rassenschändung» deutscher Frauen und Mädchen, wie sie maßgeblich durch Streicher betrieben und forciert worden war, inhaltlich analysiert und in einen historisch-politischen Kontext gestellt werden.
Show Summary Details
Restricted access

3. Anatomie eines „Berufsantisemiten“

Extract

3.Anatomie eines „Berufsantisemiten“

Einer Untersuchung, die sich mit der Herkunft, der Popularisierung und der Verfolgung von so genannter „Rassenschande“ beschäftigt, scheint es geboten, sich mit Julius Streicher, dem berüchtigten Judenhasser und Herausgeber des Hetzblattes „Der Stürmer“, zu befassen. Dafür lassen sich mehrere wichtige Gründe ins Treffen führen. Streicher darf wohl als ein ausgesprochen populärer „Schrittmacher“ der nationalsozialistischen Rassenpolitik, wenn nicht gar als einer ihrer wichtigsten Exponenten bezeichnet werden. Von den Anfängen antijüdischer Ausgrenzungsstrategien in den frühen zwanziger Jahren bis zur Verkündung der „Nürnberger Rassengesetze“ am 15. September 1935, hatte Streicher bestimmend und mitbestimmend gewirkt. Was darüber hinaus wesentlich gewichtiger wirkt, ist die Tatsache, dass es ihm zu verdanken war, dass der politische Kampfbegriff „Rassenschande“ als das wichtigste Instrument für die politische Massenmobilisierung eingesetzt und in das Argumentationsarsenal für die nationalsozialistische Bewegung eingebracht worden war.

Über die Gründe für Streichers propagandistische Erfolge ist viel gerätselt worden. Wir werden aufzeigen, dass in der Art seiner Propaganda gegen „Rassenschande“ eine der wichtigsten Gründe für diese Erfolge vermutet werden kann. In seinen frühen Versammlungsreden hatte Streicher das Ideal des Nationalsozialismus, nämlich die nationalsozialistische deutsche „Volksgemeinschaft“, bereits vorweggenommen, bevor er überhaupt der Bewegung der Nationalsozialisten zuzuordnen war. Kaum jemals ist bisher jedoch ernsthaft der Versuch unternommen worden, Streichers Hetze unter Berücksichtigung seiner Inhalte und der dadurch ausgelösten Reaktionen auf die Menschen zu untersuchen. Der Verweis auf ein...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.