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Trasjanka und Suržyk – gemischte weißrussisch-russische und ukrainisch-russische Rede

Sprachlicher Inzest in Weißrussland und der Ukraine?

Edited By Gerd Hentschel, Oleksandr Taranenko and Siarhej Zaprudski

Weißrussland und die Ukraine gelten als zweisprachig. Millionen von Menschen in beiden Ländern sprechen aber oft weder Weißrussisch bzw. Ukrainisch noch Russisch in Reinform. Vielmehr praktizieren sie eine gemischte weißrussisch-russische bzw. ukrainisch-russische Rede. Diese Mischungen aus genetisch eng verwandten Sprachen werden in Weißrussland Trasjanka und in der Ukraine Suržyk genannt. Der bekannte ukrainische Schriftsteller Jurij Andruchovyč hat das Phänomen in seiner Heimat als Blutschandekind des Bilingualismus angesprochen, also eine Metapher des Inzests kreiert. Darin klingt die verbreitete negative Bewertung der Sprachmischung an. Ihr ist der Band gewidmet. Er umfasst Beiträge von Autoren aus Weißrussland und der Ukraine sowie aus sieben anderen Ländern.
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Zur öffentlichen Diskussion der weißrussischen Sprachkultur, zum Aufkommen des Terminus „Trasjanka“ und zur modernen Trasjankaforschung

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Siarhiej Zaprudski

Das Studium der vielgestaltigen weißrussischen mündlichen gemischten Rede, die von Laien und Wissenschaftlern oft „Trasjanka“ genannt wird, hat sich für die weißrussische Linguistik als „harte Nuss“ erwiesen. Seit der ersten Fachpublikation eines weißrussischen Sprachwissenschaftlers über die „Trasjanka“ sind schon mehr als zehn Jahre vergangen (CYCHUN 1998). Die Erforschung der gemischten Rede der Weißrussen durch die weißrussische Linguistik ist aber bis heute Initiative einzelner Personen geblieben, nicht zuletzt aus Deutschland (vgl. die Arbeiten der Oldenburger Gruppe mit G. Hentschel, Sv. Tesch und J. P. Zeller sowie B. Kittel im Literaturverzeichnis des Bandes). Die Zurückhaltung der weißrussischen Linguistik mit Untersuchungen zur Trasjanka ist insofern von Interesse, als ein Verständnis dieser komplexen und widersprüchlichen Erscheinung ohne intensive Beteiligung vonseiten weißrussischer Autoren schwer vorstellbar ist.

In einem weißrussischen Wörterbuch wurde der Ausdruck „Trasjanka“ erstmals im Jahr 1996 beschrieben, hier wurde die Trasjanka als „Produkt weißrussisch-russischer Rede“ definiert (TSBLM 1996, 661). Es wäre jedoch falsch anzunehmen, weißrussische Linguisten seien nicht bereits vorher mit gemischten sprachlichen Formationen oder mit sprachlichem Gemisch in Berührung gekommen. So stieß Vaclaŭ Lastoŭski 1926 in Minsk auf eine mündliche gemischte Rede, die er čaŭnja nannte (CYCHUN 2000, 51), und Mikola Bajkoŭ äußerte sich 1927 positiv zur Übersetzung von Besonderheiten in der Rede russifizierter Figuren in dramatischen Werken, die einen „weißrussisch-russischen Jargon“ verwenden (KRYVIČ 1927, 254). Vasil’ Samcėvič bezeugte, „bei Lehrern werden...

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