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Trasjanka und Suržyk – gemischte weißrussisch-russische und ukrainisch-russische Rede

Sprachlicher Inzest in Weißrussland und der Ukraine?

Edited By Gerd Hentschel, Oleksandr Taranenko and Siarhej Zaprudski

Weißrussland und die Ukraine gelten als zweisprachig. Millionen von Menschen in beiden Ländern sprechen aber oft weder Weißrussisch bzw. Ukrainisch noch Russisch in Reinform. Vielmehr praktizieren sie eine gemischte weißrussisch-russische bzw. ukrainisch-russische Rede. Diese Mischungen aus genetisch eng verwandten Sprachen werden in Weißrussland Trasjanka und in der Ukraine Suržyk genannt. Der bekannte ukrainische Schriftsteller Jurij Andruchovyč hat das Phänomen in seiner Heimat als Blutschandekind des Bilingualismus angesprochen, also eine Metapher des Inzests kreiert. Darin klingt die verbreitete negative Bewertung der Sprachmischung an. Ihr ist der Band gewidmet. Er umfasst Beiträge von Autoren aus Weißrussland und der Ukraine sowie aus sieben anderen Ländern.
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Ein Blutschandekind der Postmoderne

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Lesja Stavyc’ka †

„Der Mensch ist ein Seil […] über einem Abgrunde. […] Was groß ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke und kein Zweck ist; was geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass er ein Übergang und ein Untergang ist“

(Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra)

Suržyk wird mit etwas Mittlerem assoziiert, mit einer Brücke, die zwei Sprachen verbindet

(verbale Reaktion einer 20-jährigen Philologiestudentin auf den Stimulus „Suržyk“ im Jahre 2002)

… Unser Leben ist immer dasselbe qualvolle und wonnevolle Spiel des Seins mit sich selbst. Unser Leben und die Welt sind Fortdauer und Etappe immer desselben ewig spielenden und ewig kalten Abgrunds

(A. F. Losev, philosophischer Kommentar zu den Musikdramen Richard Wagners)

Man findet in der ukrainischen Sprachwissenschaft wohl kaum einen anderen Terminus, der so viele Werturteile und metasprachliche Reflexionen von Philologen, Schriftstellern, Journalisten, Philosophen und einfachen Sprachträgern hervorruft wie gerade dieser, der das für viele Sprachen der Welt so gewöhnliche Phänomen der „Vermischung zweier oder mehrerer Sprachen“ bezeichnet.

Der Suržyk hat die inhaltliche Spannung des politisch vereinnahmten Bilinguismusproblems in der Ukraine aufgesogen, im linguistischen Verständnis im engeren Sinne ist er ein kognitiv gesättigtes Ethnokonzept als Teil des kulturellen und sprachlichen Bewusstseins geworden, das deutlich und emotional erlebt wird und sich schließlich im Kontext des linguistischen Pathos der Postmoderne in einen weiteren Mythos nationalen ethnischen Bewusstseins verwandelt hat. Jedenfalls führt...

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