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Vorträge und Aufsätze zur lateinischen Literatur der Antike und des Mittelalters

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Jürgen Blänsdorf

Der Band vereinigt die zwischen 2000 und 2014 entstandenen Untersuchungen zur lateinischen Literatur der Antike und des Mittelalters: Komödie und Epos, Philosophie und Geschichtsschreibung. Weitere Themen sind außerdem die Methoden der Textinterpretation, Metrik, römische Philosophie, Staatstheorie, Geschichte, Religion und Fachschriftsteller. Das Buch wendet sich an Interessenten in Universität und Gymnasien und weitere Leserkreise. Öffentliche Diskussionen über den Wert des Lateins berücksichtigen oft nur die Mühen des Spracherwerbs. Hier stehen Literatur und Geistesgeschichte im Vordergrund.
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Kollektive Unterwürfigkeit und stoischer Widerstand bei Tacitus

I.

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(Annales I 11 f., 73 f. und XVI 21 f. und 27)1

Wenn es noch heute gelingt, die Werke des P. Cornelius Tacitus, dieses sprachlich wie inhaltlich schwierigen Historikers und scharfsinnigsten Analytikers der römischen Geschichte, zu lesen, zu verstehen und sich produktiv mit seinen Gedanken auseinanderzusetzen, hat sich die Mühe des Lateinlernens gelohnt. Hat Tacitus doch den Umfang dessen, was man als Aufgabe des Historikers erwarten kann, die Ereignisse in Rom, Italien, den Provinzen, die kausalen Zusammenhänge und die Akteure und ihre Motive klar darzustellen und die Darstellung auch literarisch anspruchsvoll zu gestalten, bei weitem übertroffen. Es ist ihm gelungen, den Ursachen gefährlicher Entwicklungen bis zu ihren ersten, noch harmlos erscheinenden Anfängen nachzuforschen, hinter den bloßen Fakten die Motive der Handelnden aufzudecken, die Ambivalenz politischen Handelns und menschlicher Charaktere zu erfassen, die politische und die seelische Stimmung eines ganzen Jahrhunderts zu schildern und auch in historisch unwichtigen Ereignissen das Exemplarische, für die Zeit in oft unheimlicher Weise Charakteristische zu entdecken. Vielfach ließ er auch in detailreich geschilderten Szenen, die weniger dramatisch-pathetisch als unheimlich sind und in die gelegentlich sogar das Wetter hineinspielt, Geschichte lebendig und einprägsam werden. Sein oft eigenwilliger und schwieriger Stil ist wie bei dem griechischen Historiker Thukydides nie literarisches Spiel, sondern direkter Ausdruck seines historischen Erkennens, das nicht den schnellen, sondern den langsamen, nachdenklichen Leser sucht.

Diese besondere Leistung erklärt sich aus den politischen Erfahrungen eines Jahrhunderts unter der Kaiserherrschaft, unter...

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