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700 Jahre Boccaccio

Traditionslinien vom Trecento bis in die Moderne

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C. Bertelsmeier-Kierst and Rainer Stillers

In diesem Band werden neue Ergebnisse vorgestellt, die anlässlich des 700. Geburtstages Giovanni Boccaccios 2013 im interdisziplinären Dialog zwischen Literaturwissenschaftlern, Historikern, Sozial- und Medienwissenschaftlern in Marburg ausgetauscht wurden. Vor allem sein Hauptwerk in Volgare, das Decameron (Zehntagewerk, eine geistreiche Anspielung auf das Hexameron, das Sechstagewerk der Schöpfungsgeschichte), hat die Literatur und Kunst Europas nachhaltig beeinflusst. Geprägt von zwei Kulturen, dem kommunalen Leben der Republik Florenz und der französischen Hofkultur Neapels, gelingt es Boccaccio, zuvor getrennte Welten, antike Philosophie und höfische Liebe, lateinische und volkssprachliche Diskurse zusammenzuführen.
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Boccaccio und andere – Toskanische Berichte zur Pest von 1348

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I.

Die Pestseuche, die vom Herbst 1347 bis zum Sommer 1350 Süd- und Mitteleuropa überrollte, wurde von den Zeitgenossen nirgendwo so ausführlich dokumentiert wie in der Toskana.1 Hier beschrieben – ein Privileg dieser Region, die in den folgenden Jahrhunderten zum Zentrum der Renaissancekultur werden sollte2 – Schriftsteller und Dichter von internationalem Rang, deren Ruhm bis heute überdauerte,3 das dramatische Alltagsgeschehen, das die Vorstellung vom “Triumph des Todes”, die nun für Jahrhunderte in der Literatur wie in der bildenden Kunst populär wurde,4 so plausibel erscheinen ließ.5 Multiplikator der düsteren Metapher war seit den Vierzigerjahren vor allem Petrarca, nach dem die Macht des Todes allerdings – bis heute taucht dieser Topos der Ars-moriendi-Literatur auf – durch den ‘Nachruhm’ eines Individuums relativiert werden kann.6 Im mittelalterlich-christlichen ← 41 | 42 → Sinn kann er für Intellektuelle zudem durchaus befreiend, als “Ende einer dunklen Gefangenschaft” (fin d’una prigione oscura) erscheinen.7

Massenbeerdigungen, Bittgottesdienste, Prozessionen und öffentliche Bußübungen, aber auch die Verrohung der Sitten, die Verdächtigung von Fremden, die Verhaftung und Isolierung aller, welche verdächtige Symptome zeigten, Fluchtversuche Kranker und Verzweifelter, die zunehmende Verachtung der Medizin und der Wissenschaften und nicht zuletzt Zweifel an Gottes Gerechtigkeit wurden alltägliche Phänomene.8 Das mittelalterliche Ordnungsgefüge, das jahrhundertelang Trost geboten hatte, wankte, das christliche Urvertrauen, das heißt der Glaube an Gottes Gerechtigkeit und die Hoffnung auf seine Milde schwanden.

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