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Askese als Verhaltensrevolte

Konstanze Caysa

Das Buch stellt eine umfassende Philosophie der Askese dar und befasst sich mit dem Problem der Autoevolution des Menschen. Zugleich enthält es eine Philosophie der Stimmungen und Gefühle. Askese galt einst als Ausstiegsstrategie der Protestanten aus dem Katholizismus. Heute steht sie für eine perfekte Anpassung an den digitalen Kapitalismus, für Geschwindigkeit, Innovation, Flexibilität. Asketen gelten als apollinische Karrieristen, die mit ihrer ständigen Verfügbarkeit den Sozialstaat abschaffen wollen. Der Mensch ist ein Askesewesen, dessen Begierde durch die Sublimierung dionysischer Energie gehemmt wird. De facto ist die heutige Askese eine Art der Verhaltensrevolte gegenüber dem modernen Konsumismus, die auf einer modernen «Ökonomie des Heils» und einer «Ökonomie des Gehorsams» basiert.
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9. Sehnsuchtskörper

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9. Sehnsuchtskörper

Lukács hat genial antizipiert, was der flexible Mensch in einer globalisierten Welt erlebt: „Alles wirbelt umher; alles ist möglich und nichts ist gewiß; alles fließt ineinander: Traum und Leben, Wünsche und Wirklichkeit, Furcht und Wahrheit, das Weglügen von Schmerzen und das tapfere Dastehen vor Traurigkeiten. Was bleibt übrig? Was ist sicher in diesem Leben? Wo ist der Punkt, und sei er noch so kahl und öde und von aller Schönheit, von allem Reichtum, weit umgangen, an dem der Mensch sichere Wurzeln schlagen könnte? Wo gibt es etwas, das nicht wie Sand zwischen seinen Fingern zerrinnt aus der formlosen Masse des Lebens und es halten will, wenn auch nur auf Augenblicke? Wo scheiden sich Traum und Wirklichkeit, Ich und Welt, tiefer Inhalt und flüchtiger Eindruck?“270

Niemand hat treffender die Stimmungslage der Unübersichtlichkeit und Unbestimmtheit, vor dem „Zeitalter der Extreme“, das 1914 begann, und anscheinend 1989 endete, beschrieben, als Georg Lukács in seinem Essay über Richard Beer-Hofmann in seinem Buch „Die Seele und die Formen“ von 1911. Um noch weiter zu gehen, das Eingangszitat zeigt Lukács nicht nur als großen philosophischen Schriftsteller, sondern es ist auch wieder von bedrohlicher Aktualität. Wir leben wieder in einer Welt nicht berechenbarer Krisen und in der nichts sicher scheint und die alle traditionelle Kultur verdampft.

Heideggers „Sein und Zeit“ und Blochs „Prinzip Hoffnung“ gelten gemeinhin als die Gründungswerke des...

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