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Der bekannte Fremde

Der Vampir in der Literatur des 19. Jahrhunderts

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Oliver Hepp

Seit ihrer Verschriftlichung im 18. Jahrhundert wird die Figur des Vampirs als fremdartig beschrieben. Ihre dauerhafte Ästhetisierung – von Goethes Die Braut von Corinth bis Bram Stokers Dracula – verhalf der Figur zu einer beispiellosen Karriere, die bei genauerer Betrachtung zwei Dinge offenlegt: So fremd, wie Geschichte und Kunst sie darstellen, ist die Vampirfigur nicht. Anhand theoretischer Ansätze von Giorgio Agamben, Hans Richard Brittnacher und Homi Bhabha arbeitet der Autor den Vampir als bekannten Fremden und somit als Teil des Eigenen heraus.
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4. Die Debatte – Binäre Erklärungsparadigmen und erste Metaphorisierungen

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4. Die Debatte – Binäre Erklärungsparadigmen und erste Metaphorisierungen

Die Entwicklung, die sich nun von 1725/1732 bis Goethes Braut von Corinth vollzieht, lässt sich in zwei Schritten fassen. Das, was in der Forschung strenggenommen als Vampirdebatte bezeichnet wird, endet im deutschsprachigen Raum mit Georg Tallars Visum repertum anatomico-chirugicum oder gründlicher Bericht von den sogenannten Blutsaugern, oder Moroi in der Wallachei, Siebenbürgen und Banat, das vor allem mit Maßnahmen und Ratschlägen aufwartet, wie Vampirismus einzudämmen und gänzlich zu kurieren sei. Der Text erscheint zwar erst 1784 für die Öffentlichkeit zugänglich in Wien, doch Tallars Schriftstück enthält einen Bericht, der den Regierungsinstanzen bereits im Jahre 1756 vorliegt und ab diesem Zeitpunkt unter Herrschenden und Wissenschaftlern zirkuliert. Nach den Schilderungen und Therapievorschlägen Tallars ist der Vampir wissenschaftlich endgültig klassifiziert bzw. als unbekannter und noch auszulotender Untersuchungsgegenstand nicht mehr von großer Relevanz. In den Diskussionen um psychologische Normen und Krankheiten, die Frombalds und Flückingers Berichten folgen, dienen die Vorkommnisse in den südosteuropäischen Gebieten nur zur nochmaligen Untermauerung und Zementierung der Grenzen und Bereiche, die das vernunftgeleitete Korps bis dato bestimmt hat.155 ← 75 | 76 → Als Erklärungsmodelle für Vampirsichtungen bleiben die übersteigerte Phantasie und ihre mangelnde Domestizierung die Quintessenz der Überlegungen nahezu aller beteiligten Disziplinen.

Gleichzeitig erfolgt eine Verschiebung und Metaphorisierung des Vampirs von den Wissenschaften in die Kunst, die von Johann Christian Harenberg über Voltaire hin zum Wendepunkt in Gestalt von...

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