Show Less
Restricted access

Der bekannte Fremde

Der Vampir in der Literatur des 19. Jahrhunderts

Series:

Oliver Hepp

Seit ihrer Verschriftlichung im 18. Jahrhundert wird die Figur des Vampirs als fremdartig beschrieben. Ihre dauerhafte Ästhetisierung – von Goethes Die Braut von Corinth bis Bram Stokers Dracula – verhalf der Figur zu einer beispiellosen Karriere, die bei genauerer Betrachtung zwei Dinge offenlegt: So fremd, wie Geschichte und Kunst sie darstellen, ist die Vampirfigur nicht. Anhand theoretischer Ansätze von Giorgio Agamben, Hans Richard Brittnacher und Homi Bhabha arbeitet der Autor den Vampir als bekannten Fremden und somit als Teil des Eigenen heraus.
Show Summary Details
Restricted access

7. „Was vom Leben einmal sich geschieden“ – Raupachs Märchen Laßt die Todten ruh’n (1823)

Extract

7. „Was vom Leben einmal sich geschieden“303 – Raupachs Märchen Laßt die Todten ruh’n (1823)

Der Text liegt abseits des durch den Sammelband Sturm/Völkers Von denen Vampiren so entworfenen Kanons der Vampirliteratur, bestehend aus Goethes Braut von Corinth, Polidoris The Vampyre, Gautiers La morte amoureuse,304 Le ← 151 | 152 → Fanus Carmilla und Stokers Dracula. Eine Forschungshistorie bzw. bereits vorhandene Interpretationsansätze lassen sich aus diesem Grund für das Märchen nicht festmachen.

Meines Erachtens bieten sich zwei Annäherungsweisen an den Text an, die der doppelten Funktion Brunhildes geschuldet sind. Zum einen verkörpert sie genau jene hybride Figur der Blutsaugerin, die in den vorangegangenen Kapiteln auch in anderen Werken ausgestellt wurde, nämlich die identitätsgefährdende, lebende Tote, deren Wirken die männliche Hauptfigur Walther sowohl als Herrscher, als Mann und auch als Vater diskreditiert. Dabei lenkt die Erzählinstanz des Märchens den Leser von Beginn an äußerst stark. Brunhilde wird „als vom Leben geschieden“ eingeführt. Dies passiert im Text mit einem vorangestellten Gedicht, in dem es heißt: „Was vom Leben einmal sich geschieden, wird des Lebens Feind, und seinem Frieden muß entsagen, wer es thöricht weckt aus dem Schlafe, der es heilsam deckt.“305 Doch Laßt die Todten ruh’n zeigt in der Folge ← 152 | 153 → die Vermischung der zuvor getrennten Bereiche, die Tote wird erweckt, um dem Lebenden als Braut zur Seite zu stehen und sein Begehren zu befriedigen. Die Erzählinstanz insistiert...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.