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Kriegstaumel und Pazifismus

Jüdische Intellektuelle im Ersten Weltkrieg

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Edited By Hans Richard Brittnacher and Irmela von der Lühe

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde von der überwiegenden Zahl der deutschen Intellektuellen und Schriftsteller emphatisch begrüßt – auch von den deutschen Juden, die im Kampf fürs Vaterland eine Möglichkeit sahen, ihren Patriotismus und ihre gelungene Assimilation unter Beweis zu stellen. Diese Ansicht hat lange die Forschung dominiert. Die im vorliegenden Band versammelten Beiträge überprüfen aus interdisziplinärer Sicht diese These und gelangen bei der Lektüre und Analyse von Schriften, Briefen, Dichtungen und Dokumenten tonangebender jüdischer Intellektueller zu einem komplexeren Befund, der zwischen Kriegsbegeisterung und -skepsis, Duldung und Protest oszilliert.
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Jacques Le Rider (Paris) - (Un)zeitgemäßes zum Krieg: Freud – Schnitzler – Kraus

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Jacques Le Rider (Paris)

(Un)zeitgemäßes zum Krieg: Freud – Schnitzler – Kraus

Nicht zufällig wurden hier drei Wiener jüdische Intellektuelle, Sigmund Freud, Arthur Schnitzler und Karl Kraus zu einem Gruppenbild versammelt. Alle drei haben nach einem ersten Augenblick der Verwirrung den Krieg als einen tiefen, nicht rückgängig zu machenden Zivilisationsbruch empfunden und interpretiert. Alle drei wurden vom Kriegseinsatz verschont. 1914 ist Freud 58, Schnitzler 52 Jahre alt. Kraus ist wegen einer Wirbelsäulenverkrümmung zum Kriegsdienst untauglich befunden worden. Alle drei teilten das von dem Krieg nachhaltig veränderte Alltagsleben der Zivilbevölkerung.

Während der Kriegsjahre verwandeln sich Freuds und Kraus’ Stil- und Weltbild zutiefst. In seinen kulturanalytischen und tiefenpsychologischen Aufsätzen eröffnet Freud neue Perspektiven über den Anteil des Bösen in der Konstitution des Menschen und den Destruktions- und Todestrieb, dessen Entladung auch eine Lustquelle ist. In dern Kriegsnummern der Fackel und vor allem im entstehenden Meisterwerk Die letzten Tage der Menschheit erreicht Kraus’ Kunst der Satire und Sprachgewalt neue Dimensionen. Bei Schnitzler schlägt sich das drückende Gefühl, dass die europäische Belle Epoque unwiederbringlich untergeht, zuerst im Tagebuch und dann in Briefen nieder. In seinen Theaterstücken und Erzählungen ist die alte Welt immer noch die fiktionale Gegenwart, auf welche die bedrohliche Jetztzeit projiziert wird.

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