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Kriegstaumel und Pazifismus

Jüdische Intellektuelle im Ersten Weltkrieg

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Edited By Hans Richard Brittnacher and Irmela von der Lühe

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde von der überwiegenden Zahl der deutschen Intellektuellen und Schriftsteller emphatisch begrüßt – auch von den deutschen Juden, die im Kampf fürs Vaterland eine Möglichkeit sahen, ihren Patriotismus und ihre gelungene Assimilation unter Beweis zu stellen. Diese Ansicht hat lange die Forschung dominiert. Die im vorliegenden Band versammelten Beiträge überprüfen aus interdisziplinärer Sicht diese These und gelangen bei der Lektüre und Analyse von Schriften, Briefen, Dichtungen und Dokumenten tonangebender jüdischer Intellektueller zu einem komplexeren Befund, der zwischen Kriegsbegeisterung und -skepsis, Duldung und Protest oszilliert.
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Rolf-Peter Janz (Berlin) - „Am Rande des Blutmeers trauerlustwandelnd“. (Alfred Polgar) Über den Ästhetizismus im Krieg.

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Rolf-Peter Janz (Berlin)

„Am Rande des Blutmeers trauerlustwandelnd“. (Alfred Polgar) Über den Ästhetizismus im Krieg

1

Der Beginn des Ersten Weltkriegs ist von vielen, doch mitnichten von allen in Deutschland und in anderen Ländern begrüßt oder auch gefeiert worden und Rechtfertigungsversuche waren schnell gefunden. Es hieß, die „Kulturnation“ Deutschland müsse gegen die „Zivilisation“ Frankreichs und Englands verteidigt werden, der Krieg verheiße ein dringend notwendiges „Bildungserlebnis“1, er wirke als „Erzieher“, und auf seine „reinigende Wirkung“2 sei Verlass. Der Krieg als flächendeckende Hygiene-Maßnahme – solche eher schlichten Vorstellungen wurden leicht übertroffen von der hochfahrenden Idee, er verheiße ein Erweckungserlebnis; dem Krieg müsse ein Sinn, ja eine „metaphysische Würde“3 zugesprochen werden, er wird, so heißt es, im Namen Gottes, für die Nation, die Ehre etc. geführt. Bereits am Ende des ersten Kriegsjahres war bekannt, dass mehr als 200.000 Soldaten gefallen waren.4 Wo aber Opfer gebracht werden, muss es einen Sinn geben, für den das Opfer sich lohnt. Opfer stellen sinnstiftende Leistungen in Aussicht. Dieser Annahme folgt, wie Brittnacher gezeigt hat, auch der Opferdiskurs, der gerade im Fin de Siècle eine unerhörte Faszinationskraft gewinnt.5 Nach dieser Opferlogik verfährt auch ein verbreitetes Deutungsmuster, das für historische Entwicklungen ebenso wie für Prozesse der Kunstgeschichte herangezogen wird: das Alte muss untergehen, um dem Neuen Platz zu machen. In der Diktion Friedrich Gundolfs klingt das so: „Wer stark ist...

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