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Kriegstaumel und Pazifismus

Jüdische Intellektuelle im Ersten Weltkrieg

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Hans Richard Brittnacher and Irmela von der Lühe

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde von der überwiegenden Zahl der deutschen Intellektuellen und Schriftsteller emphatisch begrüßt – auch von den deutschen Juden, die im Kampf fürs Vaterland eine Möglichkeit sahen, ihren Patriotismus und ihre gelungene Assimilation unter Beweis zu stellen. Diese Ansicht hat lange die Forschung dominiert. Die im vorliegenden Band versammelten Beiträge überprüfen aus interdisziplinärer Sicht diese These und gelangen bei der Lektüre und Analyse von Schriften, Briefen, Dichtungen und Dokumenten tonangebender jüdischer Intellektueller zu einem komplexeren Befund, der zwischen Kriegsbegeisterung und -skepsis, Duldung und Protest oszilliert.
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Hans Richard Brittnacher (Berlin) - Hofmannsthals Kriegspublizistik

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Hans Richard Brittnacher (Berlin)

Hofmannsthals Kriegspublizistik

1. Hofmannsthals Judentum

Hofmannsthals Selbstverständnis als Jude ist, um das mindeste zu sagen, problematisch, die jüdische Abstammung ein ihm immer wieder peinlicher Sachverhalt, oft in Abrede gestellt oder nur gequält zugestanden. Ulrich Weinzierl hat in seiner Hofmannsthal-Biographie von den genealogischen Kapriolen gesprochen, die sich zu diesem dem Autor so heiklen Punkt in der philologischen und biographischen Forschung finden. Noch 1972 konnte man in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Behauptung des Schriftstellers Werner Helwig lesen, Hofmannsthal sei Sohn eines Rabbiners und einer jüdischen Mutter; Hans Mayer, dem wir das große Buch über die Außenseiter verdanken, bezeichnete Hofmannsthal als Halbjuden; Golo Mann behauptete, Hofmannsthals Vater sei ein in den Adelsstand erhobener jüdischer Bankier gewesen. Aber auch schon zu Hofmannsthals Zeiten kursierten abenteuerliche Vorstellungen, selbst in jüdischen Kreisen. So bezeichnete The Universal Jewish Encyclopedia Hofmannsthal, den Urenkel des geadelten Isaak Löw, als seinen Enkel und Hofmannsthals Vater als getauften Juden. Nun, all dessen müsste man sich nicht schämen, Hofmannsthal aber tat es. Der im Wiener Fin de siècle, ungeachtet der Tatsache, dass er seine kulturellen Impulse überwiegend von jüdischer Seite erhielt, zunehmend aggressive Antisemitismus v.a. der Christlichsozialen Partei schien Hofmannsthal ein diesbezüglich bedecktes Verhalten nahezulegen. Bis an sein Lebensende wird ihn die Zuweisung seines Judentums, so wenig er selbst sich dazu bekennen mochte, geradezu als seine Nemesis erscheinen: So verhinderten antisemitische Gutachten, die in...

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