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Kriegstaumel und Pazifismus

Jüdische Intellektuelle im Ersten Weltkrieg

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Hans Richard Brittnacher and Irmela von der Lühe

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde von der überwiegenden Zahl der deutschen Intellektuellen und Schriftsteller emphatisch begrüßt – auch von den deutschen Juden, die im Kampf fürs Vaterland eine Möglichkeit sahen, ihren Patriotismus und ihre gelungene Assimilation unter Beweis zu stellen. Diese Ansicht hat lange die Forschung dominiert. Die im vorliegenden Band versammelten Beiträge überprüfen aus interdisziplinärer Sicht diese These und gelangen bei der Lektüre und Analyse von Schriften, Briefen, Dichtungen und Dokumenten tonangebender jüdischer Intellektueller zu einem komplexeren Befund, der zwischen Kriegsbegeisterung und -skepsis, Duldung und Protest oszilliert.
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Marek Jakubów (Lublin) - Zwischen Pragmatik und Utopie. Die Publizistik von Herman Lieberman und Wilhelm Feldman angesichts des Ersten Weltkriegs

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Marek Jakubów (Lublin)

Zwischen Pragmatik und Utopie. Die Publizistik von Herman Lieberman und Wilhelm Feldman angesichts des Ersten Weltkriegs

In der Erzählung von Christoph Ransmayr Przemyśl. Ein mitteleuropäisches Stück, die aus der Sammlung Im blinden Winkel (1990)1 stammt, taucht Herman Lieberman sowohl als Agens der Ereignisse, die in die Geschichte unter der Bezeichnung „Republik von Przemyśl“ eingegangen sind2, als auch Opfer der politischen Turbulenzen zur Zeit des Ersten Weltkrieges auf. Der „Utopist“ – wie ihn Walter Mayr nennt3 – ist Mittler zwischen den verfeindeten Nationen Ostgaliziens und scheitert ebenso wie die Gestalt des Juden Uiberall4, der die tragischen Konsequenzen des misslungenen Schlichtungsversuchs vorwegnimmt. Eine ähnliche Handlungsstruktur kann man auch auf Wilhelm Feldman beziehen, der sich in seiner publizistischen Arbeit für die Integration der Juden in die polnische Gesellschaft einsetzte.

Die konsequente Arbeit der beiden Publizisten an ihren lebenslangen Projekten mag angesichts ihrer negativen persönlichen Erfahrungen wundern und lässt sich ← 143 | 144 →nur im soziohistorischen Kontext ihrer Identitätskonstruktion5 verstehen, die nach Wolfgang Kraus als „ein Entwicklungsprozess [begriffen wird], der innig mit der Konstitution des Subjekts in einer spezifischen gesellschaftlichen Epoche zusammenhängt“ und „zu einer Aufgabe des Subjekts in einer spezifischen historischen Situation [wird].“6 Bei Feldman und Lieberman ist sie daher keine „Bezauberung“7 von der polnischen Kultur, wie manche Forscher behaupten. Sie ist sowohl Folge der geschichtlichen Erfahrungen einer Generation, die Befreiung ← 144 | 145 →aus den alten Ordnungen anstrebt8, als auch...

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