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Kriegstaumel und Pazifismus

Jüdische Intellektuelle im Ersten Weltkrieg

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Edited By Hans Richard Brittnacher and Irmela von der Lühe

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde von der überwiegenden Zahl der deutschen Intellektuellen und Schriftsteller emphatisch begrüßt – auch von den deutschen Juden, die im Kampf fürs Vaterland eine Möglichkeit sahen, ihren Patriotismus und ihre gelungene Assimilation unter Beweis zu stellen. Diese Ansicht hat lange die Forschung dominiert. Die im vorliegenden Band versammelten Beiträge überprüfen aus interdisziplinärer Sicht diese These und gelangen bei der Lektüre und Analyse von Schriften, Briefen, Dichtungen und Dokumenten tonangebender jüdischer Intellektueller zu einem komplexeren Befund, der zwischen Kriegsbegeisterung und -skepsis, Duldung und Protest oszilliert.
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Dorothee Gelhard (Regensburg) - Cassirer und der Erste Weltkrieg

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| 205 →

Dorothee Gelhard (Regensburg)

Cassirer und der Erste Weltkrieg

Ernst Cassirer spricht in einem Brief an seine Frau vom 30. Juli 1914 von der „sehr deprimierenden Atmosphäre in Berlin, die die Mobilmachung begleitet“1 und reagiert auf seine Art: Als die Mehrheit der Deutschen sich national-chauvinistisch exponiert, tritt er hingegen – mitten im Krieg 1916 – mit seinem Buch Freiheit und Form an die Öffentlichkeit und zeigt sich als Europäer, indem er zum einen die tragenden Ideen der deutschen Philosophie und Dichtung in eine geistesgeschichtliche Kontinuität mit dem italienischen und französischen Denken seit der Renaissance stellt und zum anderen auf die Gefahr des mythischen Denkens hinweist, das nämlich von der Unfreiheit des Gedankens gegenüber der Anschauung bestimmt ist. Das mythische Denken basiert auf der Unfähigkeit, Denken und Wahrnehmung kritisch zu unterscheiden. Freiheit und Form hat – kurz gesagt – zum Thema, die Fähigkeit des Menschen zur Formbildung als stetigen Akt der Selbstbefreiung von diesem mythischen Bewusstsein zu verstehen und sich in der Anschauung nicht mehr vom Gegenstand „überwältigen“ zu lassen oder wie in der Religion: gegebene Erscheinungen zu personalisieren und damit die Wirklichkeit zu organisieren.

Cassirer, der aus gesundheitlichen Gründen nicht zum aktiven Kriegsdienst eingezogen wurde und sich als Lehrer an einem Berliner Gymnasium für den Deutschunterricht verpflichtet hatte, wurde 1916 in die französische Sektion des Kriegspresseamtes dienstverpflichtet. „Schon 1916 war ihm klargeworden, weil er die unangenehmen Nachrichten der französischen Zeitungen für...

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