Show Less
Restricted access

Kriegstaumel und Pazifismus

Jüdische Intellektuelle im Ersten Weltkrieg

Series:

Hans Richard Brittnacher and Irmela von der Lühe

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde von der überwiegenden Zahl der deutschen Intellektuellen und Schriftsteller emphatisch begrüßt – auch von den deutschen Juden, die im Kampf fürs Vaterland eine Möglichkeit sahen, ihren Patriotismus und ihre gelungene Assimilation unter Beweis zu stellen. Diese Ansicht hat lange die Forschung dominiert. Die im vorliegenden Band versammelten Beiträge überprüfen aus interdisziplinärer Sicht diese These und gelangen bei der Lektüre und Analyse von Schriften, Briefen, Dichtungen und Dokumenten tonangebender jüdischer Intellektueller zu einem komplexeren Befund, der zwischen Kriegsbegeisterung und -skepsis, Duldung und Protest oszilliert.
Show Summary Details
Restricted access

Yael Kupferberg (Berlin) - „Jetzt aber sollten die Menschen begreifen“ – Max Horkheimer und der Erste Weltkrieg.

Extract

| 223 →

Yael Kupferberg (Berlin)

„Jetzt aber sollten die Menschen begreifen“ – Max Horkheimer und der Erste Weltkrieg

Dann aber kam der Erste Weltkrieg, und ich habe ihn vom ersten Tag an gehasst. Nicht, weil ich einer pazifistischen Theorie oder sonstigen politischen Theorie gehuldigt hätte, sondern […] weil ich französische und englische Menschen kannte, die ich achtete, weil ich, um es frei heraus zu sagen, in eine Französin verliebt war. Ich hatte Paris und London gesehen und konnte nicht glauben, dass die Menschen dort so viel kriegslustiger waren […], so viel schlechter als ich, dass ich auf sie schießen sollte. […] Mein Glauben an die Lehren des Vaterhauses über das Deutsche Reich geriet ins Wanken, und ich hatte das Gefühl, dass etwas Furchtbares, etwas nie wieder Gutzumachendes in Europa, ja in der Menschheit sich ereignete. Am schlimmsten schien mir – ohne dass ich es damals hätte formulieren können –, dass die historische Aufgabe, gleichsam die Mission der europäischen Völker, insbesondere des deutschen, dem ich angehörte, unrettbar preisgegeben war.1

Diese Zeilen schrieb Max Horkheimer zum Band Porträts deutsch-jüdischer Geistesgeschichte von 1961. Einen prominenten Platz erhält der Erste Weltkrieg, dieser politisch herbeigeführte Einbruch in die Geschichte für den jungen Intellektuellen. Seine Liebe zu einer Französin unterstützt noch die Fassungslosigkeit über den tiefen Fall als die zwischenzeitliche Vervollkommnung der technischen, zur Totalität erstarrten Ideologie. Die europäischen Völker, das deutsche Volk, mit dem...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.