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Kriegstaumel und Pazifismus

Jüdische Intellektuelle im Ersten Weltkrieg

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Edited By Hans Richard Brittnacher and Irmela von der Lühe

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde von der überwiegenden Zahl der deutschen Intellektuellen und Schriftsteller emphatisch begrüßt – auch von den deutschen Juden, die im Kampf fürs Vaterland eine Möglichkeit sahen, ihren Patriotismus und ihre gelungene Assimilation unter Beweis zu stellen. Diese Ansicht hat lange die Forschung dominiert. Die im vorliegenden Band versammelten Beiträge überprüfen aus interdisziplinärer Sicht diese These und gelangen bei der Lektüre und Analyse von Schriften, Briefen, Dichtungen und Dokumenten tonangebender jüdischer Intellektueller zu einem komplexeren Befund, der zwischen Kriegsbegeisterung und -skepsis, Duldung und Protest oszilliert.
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Micha Brumlik (Berlin) - Franz Rosenzweig und der Erste Weltkrieg

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Micha Brumlik (Berlin)

Franz Rosenzweig und der Erste Weltkrieg

I. Vorbemerkung

Es waren die Erfahrungen des Ersten Weltkrieges, theoretisch und praktisch, die Franz Rosenzweig dazu brachten, an der Idee des Nationalstaats zu verzweifeln, ihm theoretisch den Abschied zu geben und sich dennoch nicht von seiner Idee lösen zu können.

1886 als Sohn einer assimilierten jüdischen Familie in Kassel geboren, wollte Franz Rosenzweig, – der nach dem Abitur in Kassel in Göttingen, München, Freiburg und Leipzig ein breites, geisteswissenschaftliches Studium aufgenommen hatte und 1912 mit einer Arbeit über „Hegel und der Staat“ bei Friedrich Meinecke promoviert wurde – 1913 unter dem Einfluß seiner bereits konvertierten Cousins Eugen Rosenstock-Huessy, Hans und Rudolf Ehrenberg zum Protestantismus konvertieren – ein Schritt, den er bereits 1906/7 erwogen hatte. Nach einer nächtlichen Auseinandersetzung mit Eugen Rosenstock, die ihn von der Notwendigkeit einer Konversion überzeugte, kam er indessen zu dem Schluß nur als Jude konvertieren zu können; weswegen er während des jüdischen Neujahrsfestes „Rosh-ha – Shana“ des Jahres 1913 – vor beinahe genau einhundert Jahren – in Berlin noch einmal, geplant ein letztes Mal, die Synagoge besuchte. Die dort gemachte, ihn geradezu überwältigende religiöse Erfahrung bewog ihn zum Verbleiben im Judentum, wie er im gleichen Jahr seinem Cousin Rudolf Ehrenberg brieflich bekundete:

Lieber Rudi, ich muß Dir mitteilen, was Dich bekümmern und, zunächst mindestens, Dir unbegreiflich sein wird: ich bin in langer, und, wie ich meine, gr...

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