Show Less
Restricted access

Kriegstaumel und Pazifismus

Jüdische Intellektuelle im Ersten Weltkrieg

Series:

Edited By Hans Richard Brittnacher and Irmela von der Lühe

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde von der überwiegenden Zahl der deutschen Intellektuellen und Schriftsteller emphatisch begrüßt – auch von den deutschen Juden, die im Kampf fürs Vaterland eine Möglichkeit sahen, ihren Patriotismus und ihre gelungene Assimilation unter Beweis zu stellen. Diese Ansicht hat lange die Forschung dominiert. Die im vorliegenden Band versammelten Beiträge überprüfen aus interdisziplinärer Sicht diese These und gelangen bei der Lektüre und Analyse von Schriften, Briefen, Dichtungen und Dokumenten tonangebender jüdischer Intellektueller zu einem komplexeren Befund, der zwischen Kriegsbegeisterung und -skepsis, Duldung und Protest oszilliert.
Show Summary Details
Restricted access

Hanni Mittelmann (Jerusalem) - Albert Ehrenstein: „Es hat die Seele keinen Bosporus, noch Vogesen“. Ehrensteins Lyrik im Ersten Weltkrieg.

Extract

| 369 →

Hanni Mittelmann (Jerusalem)

Albert Ehrenstein: „Es hat die Seele keinen Bosporus, noch Vogesen“.1 Ehrensteins Lyrik im Ersten Weltkrieg

Wie für viele deutschschreibende Schriftsteller führte die Erfahrung des Ersten Weltkrieges auch bei Albert Ehrenstein, einem der führenden österreichischen Expressionisten, zu einer Klärung seiner weltanschaulichen Positionen und zu einem Durchbruch von der bloß ästhetischen Revolte seiner frühen Dichtungen zu einem systemkritischen, politisch engagierten Schreiben. In seinem Lebensbericht schreibt er: „Trotz scharfem Blick für das tausendfältige Unrecht der Unterdrückung – erst mit dem Krieg erwachte ich endgültig zu einer wahren, unbelügbaren Ansicht über die Menschen, die deutsche Pseudorevolte, Kunst und mich.“2 Der neue Selbstanspruch der Schriftsteller als „Sinnsucher des Kriegsgeschehens und Bewahrer der ideellen Werte“3 führte bei Ehrenstein wie bei vielen anderen jüdischen Dichtern zu einer Auseinandersetzung mit dem Sinn und Ziel der jüdischen religiösen Tradition. In der Rezeption von Elementen der jüdischen Tradition und der oft subversiven Neudefinition religöser Überlieferungen und messianischer Ideen profilierte sich denn auch Ehrensteins Einstellung zum Kriegsgeschehen. Für Ehrenstein stand seine jüdische Identität nie in Frage. Nie verleugnete er seine „Zugehörigkeit zu einem verfolgten Menschenstamm”4 und er kritisierte sarkastisch alle Dissimilationsversuche jüdischer Schriftsteller, die „zum Problem ihrer Geburt und Rasse feig nicht Stellung […] nehmen, keine Farbe bekennen, sondern lieber in schwächlicher Selbstverleugnung mit edler Haltung und überdeutschen Faltenwurf des Stils über den Abgrund des Ursprungs hinweg...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.