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Kriegstaumel und Pazifismus

Jüdische Intellektuelle im Ersten Weltkrieg

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Hans Richard Brittnacher and Irmela von der Lühe

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde von der überwiegenden Zahl der deutschen Intellektuellen und Schriftsteller emphatisch begrüßt – auch von den deutschen Juden, die im Kampf fürs Vaterland eine Möglichkeit sahen, ihren Patriotismus und ihre gelungene Assimilation unter Beweis zu stellen. Diese Ansicht hat lange die Forschung dominiert. Die im vorliegenden Band versammelten Beiträge überprüfen aus interdisziplinärer Sicht diese These und gelangen bei der Lektüre und Analyse von Schriften, Briefen, Dichtungen und Dokumenten tonangebender jüdischer Intellektueller zu einem komplexeren Befund, der zwischen Kriegsbegeisterung und -skepsis, Duldung und Protest oszilliert.
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Jürgen Brokoff (Berlin) - „Kriegslieder“ deutsch-jüdischer Autoren im Kontext intellektueller Debatten über Deutschtum und Judentum

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Jürgen Brokoff (Berlin)

„Kriegslieder“ deutsch-jüdischer Autoren im Kontext intellektueller Debatten über Deutschtum und Judentum

In seiner Abhandlung Jüdisches Wesen und neue Dichtung von 1922 arbeitet der expressionistische Schriftsteller Alfred Wolfenstein Konturen des „dichterischen Schicksal[s]“1 in der bürgerlichen Gesellschaft heraus. Kennzeichen dieses Schicksals ist eine konstitutive Fremdheit des Dichters, der sich einerseits Volk und Gesellschaft „glühend zugehörig fühlt“2, dem aber zugleich von Seiten der bürgerlichen Gesellschaft „mit Feindschaft und Furcht“3 begegnet wird. Der Dichter ist nach Wolfenstein der „Verbannte“4, er ist der „ungewiß Wohnende unter Fremden“5, der in der modernen „Zeit der Übergänge“6 keinen festen Boden unter den Füßen hat. In diesem Punkt ähnelt die Situation des Dichters, so Wolfenstein, der des Juden.7 Beide haben ein vergleichbares Schicksal, das Wolfenstein in der bedeutungsvollen Figur des „unter die Völker Verstreute[n]“8 zu fassen sucht. In „höherem Sinne ortlos“9 und in einer „schwebenden Stellung“10 befindlich sind beide – Dichter und Jude. Eine Potenzierung der Situation ergibt sich, wenn der Dichter zugleich Jude bzw. der Jude zugleich Dichter ist. In diesem Fall ist von einer gesteigerten Form der Zerstreuung auszugehen, von einer Verdopplung der Ungewissheit, die für Wolfenstein Gefährdung – und zugleich Chance ist.

Die Problematik der zerstreuten Existenz der Juden zeigt sich in aller Schärfe im Rückblick auf Weltkrieg und Revolution, aber auch hier gilt es für Wolfenstein, neben...

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