Show Less
Restricted access

Die Ukraine – Grenzland oder Brücke?

Reflexionen zum aktuellen Konflikt

Reinhard Hildebrandt

Dieses Buch behandelt die Stellung der Ukraine im Konflikt um Aufrechterhaltung guter wirtschaftlicher und politischer Beziehungen der Ukraine zu Russland einerseits und ihrem Wunsch nach Zugehörigkeit zur Europäischen Union andererseits. In dieser Sache prallen die Strategie zur Erweiterung der EU und das Sicherheitsbedürfnis Russlands aufeinander. Diese rivalisierenden Mächte zerreißen die in ihren Sympathien gespaltene ukrainische Bevölkerung. Als traditionelles Grenzland wäre für die Ukraine die Brückenfunktion zwischen Russland und der EU jedoch angemessen. Es droht schließlich der Verlust der Unabhängigkeit, wenn der Konflikt auf absehbare Zeit zu keinem friedlichen Ende führt. Der Autor folgert, dass dessen Fortdauer auch das Verhältnis zwischen Europäischer Union und Russland entfremdet und ein Wiederaufleben des Ost-West-Konflikts nicht mehr ausgeschlossen ist.
Show Summary Details
Restricted access

II. Historischer Rückblick

Extract

II.  Historischer Rückblick1

1.  Die Ukraine als umkämpfte Randregion Europas

In der Geschichte des Landes wechselten sich Perioden der staatlichen Unabhängigkeit mit Zeitabschnitten des totalen Souveränitätsverlustes, Phasen der Ausdehnung des Landes mit Zeiten drastischer Gebietsverluste ab. Im Verlauf der Jahrhunderte siedelten Skyten, Goten, Chasaren, Alanen, Karaimen, Krymtschschaken, Griechen und Armenier in der Ukraine und eroberten Hunnen(Mongolen), Polen, Litauer, Osmanen, Russen, Habsburger und Deutsche das Land bzw. nahmen es sich als Beute. „Der Begriff Ukraine (Ukraina)“, berichtet Andreas Kappeler in einem detaillierten Beitrag, „meinte ursprünglich das Land ‚am Rand‘ oder ‚an der Grenze‘, und zwar zur Steppe, der seit dem Altertum bestehenden Scheidelinie zwischen sesshaften Ackerbauern und Reiternomaden. Die Beziehungen zur Welt der Steppennomaden, seien es deren Überfälle auf Ackerbauern, sei es wirtschaftlicher Austausch, waren eine Konstante der ukrainischen Geschichte“… (Kappeler, 2014: 43).

Die Auffassung von Kiew als Vorläufer Russlands und „Zweites Jerusalem“ reicht zurück bis in die Zeit des Kiewer Rus um das 9./10. Jahrhundert. Teil des Großreichs Polen-Litauen wurde es im 14. Jahrhundert. Im 18. Jahrhundert kamen Galizien und die Bukowina zu Österreich-Ungarn und der Rest der Ukraine zum zaristischen Russland. Die Krim, die für lange Zeit zum Osmanischen Reich gehörte, fiel nach mehreren Kriegen an Russland und wurde mit russischen Bauern besiedelt.

Laut Lilija Berezhnaya war die Propagierung von Kiew als „Zweites Jerusalem“ zunächst das „ideologische Fundament“ für eine aufstrebende Region. Später diente die...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.