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Zwischen Orten, Zeiten und Kulturen

Zum Transitorischen in der Literatur

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Edited By Jolanta Pacyniak and Anna Pastuszka

Im Mittelpunkt des Bandes stehen das vielfältige Konzept des Transitorischen und seine literarischen Ausgestaltungen. Die Beiträge beleuchten den etwas diffusen Begriff des Transitorischen anhand unterschiedlicher literarischer Werke, Motive, Themen und Topoi. Das dargestellte Spektrum der Forschungen reicht von den negativen Erfahrungen des Transits in der Exilliteratur über das Motiv der Reise, das Topos des homo viator, transitorische Orte und Zustände bis zu transitorischen Identitäten. Im Horizont einer «Poetik des Transitorischen» (Rüdiger Görner) entsteht aus fließenden Übergängen und Grenzen ein «Dazwischen». Zu dieser Poetik gehören u.a. die Erkenntnisse der Wandelbarkeit und Prozesshaftigkeit der scheinbar feststehenden Kategorien (Nation, Kultur, Geschlecht, Identität), die veränderte Raumwahrnehmung, die Aufwertung der Bewegung und die Versuche, das (post-)moderne Subjekt zu verorten.
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Hans Richard Brittnacher - „Das unglückliche Geschöpf ohne Vaterland, ohne Familie, ohne Heimat.“ ‚Zigeuner‘ als transitorische Existenzen?

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Hans Richard Brittnacher  (Freie Universität Berlin)

„Das unglückliche Geschöpf ohne Vaterland, ohne Familie, ohne Heimat.“ ‚Zigeuner‘ als transitorische Existenzen?

Das Zitat im Titel meines Beitrags stammt aus Victor Hugos berühmtem und vielgelesenem Roman Notre Dame de Paris, meist als Der Glöckner von Notre Dame ins Deutsche übersetzt. Hier ist es der Erzähler selbst, der mitleidig des Schicksals seiner Heldin, der jungen Zigeunerin Esmeralda, gedenkt: ein „unglückliche[s] Geschöpf ohne Vaterland, ohne Familie, ohne Heimat“.1 Das Schicksal, das Esmeralda zu erdulden hat, muss als das exemplarische Schicksal ihrer Volksgruppe, der Zigeuner, gelten. Dieser fast immer pejorativ gebrauchte Terminus bezeichnet eine wohl aus dem Nordwesten Indiens stammende und noch im ersten Jahrtausend unserer Zeitrechnung von dort vertriebene Volksgruppe, die seit dem 15. Jahrhundert auch auf deutschem Boden urkundlich erwähnt wird.2 Vergleichbar mit der Geschichte der Juden ist auch die ihrige vor allem eine Leidensgeschichte diasporischer Existenzen – sie wurden diffamiert, vertrieben, eliminiert, als Vagabunden und Hausierer geächtet, als Kinderräuber und Zauberer gejagt, als Diebe und Landesverräter gebrandmarkt, gerädert und gehenkt und schließlich auch Opfer des nationalsozialistischen Völkermords. Wegen dieser Diffamierungs- und Unterdrückungsgeschichte, die sich unlösbar mit dem Terminus ‚Zigeuner‘ verbindet, legt die Mehrheit dieser Volksgruppe Wert auf die neutraleren Bezeichnungen Sinti oder Roma.3 Wenn hier im Folgenden weiterhin von Zigeunern die Rede ist, ← 41 | 42 → so deshalb, weil dies der in der Literatur übliche Terminus ist, um eine...

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