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Gegenwartsprosa im Literaturunterricht

Eine diskursanalytische Studie zur literaturdidaktischen Auswahlpraxis in den 1950er und 1970er Jahren

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Julia Heuer

Das Buch verfolgt ein zweigeteiltes Forschungsinteresse. Zum einen soll anhand literaturdidaktischer Fachzeitschriften rekonstruiert werden, welche jeweils zeitgenössischen Werke aus dem Bereich der Gegenwartsprosa von Literaturdidaktikerinnen und -didaktikern zwischen 1948 und 1959 sowie zwischen 1965 und 1975 für den Deutschunterricht ausgewählt werden. Die zweite Frage zielt auf die Präzisierung der im ersten Schritt gewonnenen Befunde: Welche Legitimationsmuster werden seitens der Fachdidaktik zur Begründung der Auswahl gewählt? Die Antworten hierauf können sowohl die Resonanz auf die jeweils zeitgenössische Literatur quantitativ nachweisen als auch die den Empfehlungsdiskurs konstituierenden rhetorischen Strategien offenlegen.
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1. Einleitung

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Poesie der Gegenwart im strengsten Sinn des Worts darf nie ein Gegenstand des Schulunterrichts werden. (von Raumer [1852] 1897, 132)

Diese Forderung ist der literaturpädagogischen Schrift Der Unterricht im Deutschen Rudolf von Raumers, in erster Auflage 1852 veröffentlicht, entnommen. Die Schule habe „als Bewahrerin der sich ansammelnden Schätze einzutreten und sie dem neuen Geschlecht zu überliefern und zu vermitteln“ (von Raumer [1852] 1897, 132). Für fast ein Jahrhundert entsprach der Deutschunterricht der höheren Schule dieser Forderung und blieb den Aufgaben der Kanonisierung und Tradierung treu, wenngleich sich bereits zu Beginn des 20. Jahrhundert erste Stimmen meldeten, die diese Praxis infrage stellten. Spätestens seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nahmen Debatten über die Einbeziehung zeitgenössischer Texte in den Literaturunterricht und die Auswahl geeigneter Werke jedoch einen festen Platz im literaturdidaktischen Fachdiskurs ein. Seither hat es sich die Literaturdidaktik in ihrer Rolle als Vermittlerin zwischen literarischer Produktion und Rezeption zur Aufgabe gemacht, Lehrerinnen und Lehrer mit dem literarischen Leben der Gegenwart bekannt zu machen.

Systematisch untersucht wurde die literaturdidaktische Auseinandersetzung mit der jeweils jüngeren und jüngsten literarischen Produktion der (jeweiligen) Gegenwart bisher nicht. Das von Jan Standke formulierte Desiderat, die Geschichte des Verhältnisses von Literaturwissenschaft und Gegenwartsliteratur sei eine bisher „ungeschriebene“ (Standke 2014, 19), lässt sich daher ohne Weiteres auf die Historiographie der Literaturdidaktik übertragen. Die vorliegende Studie widmet sich daher einem zweigeteilten Forschungsinteresse, wobei beide Fragekomplexe unmittelbar miteinander verknüpft sind. Zum einen soll anhand eines...

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