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Reichsdramaturgie

Kulissen und Choreographien der Macht im NS-Staat

Gunter Reiß

«Reichsdramaturgie» wird definiert als Chiffre für totalitäre Massensuggestion. Sie bezieht sich sowohl auf die Instrumentalisierung des Theaters durch Goebbels als auch auf die Inszenierungsformen des sich als ästhetisches Spektakel präsentierenden faschistischen Staates.
Rückgriffe auf Denk- und Handlungsmuster der NS-Zeit sowie Ausgrenzung und Verfolgung Andersdenkender prägen weiterhin Teile der deutschen Öffentlichkeit und beginnen, demokratische Übereinkünfte und Grundrechte auszuhebeln. Die Analyse der Theatralik des Faschismus bestätigt die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit als einen unverzichtbaren Bestandteil unseres gesellschaftlichen Denkens und Handelns.
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Die „Gemeinschaft der Braunhemden“ als „Schauspiel des Volkes“

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Doch von einer solchen Einsicht sind nationalsozialistische Ideologen natürlich nicht beeinträchtigt. Wiederum kann der Reichsdramaturg, stellvertretend für andere, hier zitiert werden. Schlösser führt die neuen Formen des nationalen Theaters „wie alle Ereignisse deutscher Wiedergeburt auf die Erlebnisse der Frontkameradschaft im [1.] Weltkrieg“ zurück36 und beschwört die „Gemeinschaftsidee“ als den „heilige[n] Grund“37, auf dem das Schauspiel des Volkes gründet. Das Volk, das sind für Schlösser die „feldgrauen Menschen“38, die im „Opferdienst an einem Höheren, der Nation“39, in „geradezu kultischer Geschlossenheit“40 vereinigt, bereit sind, „ihr Blut vielleicht schon in ein paar Stunden hinzugeben“41. Das „Volk – das war er [der Einzelne], waren ← 20 | 21 → seine Kameraden“42. Schlösser fährt fort und setzt den speziellen Akzent, auf den es hier ankommt:

„Auf das Theater übertragen, das uns hier speziell beschäftigt: das waren die Zuschauer, das waren die Darsteller. Plötzlich empfand man die schicksalsmäßige große Gemeinschaft, die jeden Einzelnen in die Blutsbrüderschaft aller Deutschen einordnete“43.

Diese Gleichsetzung von Zuschauer und Darsteller macht die „Schnürbodenwelt“44 des Theaters zur Realität. Die scheinbare Uneigentlichkeit eines metaphorischen Gebrauchs der Bilder vom Theater wird indes weiter konkret gemacht. Das äußerliche Merkmal der „Uniform“ sowie das innerliche der „Kameradschaft im Geiste“ charakterisiert für Schlösser die Einheitlichkeit der „kostümierten Darsteller“45. In völligem Ernst wird diese Analogie von Realität und Theater weitergef...

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