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Reichsdramaturgie

Kulissen und Choreographien der Macht im NS-Staat

Gunter Reiß

«Reichsdramaturgie» wird definiert als Chiffre für totalitäre Massensuggestion. Sie bezieht sich sowohl auf die Instrumentalisierung des Theaters durch Goebbels als auch auf die Inszenierungsformen des sich als ästhetisches Spektakel präsentierenden faschistischen Staates.
Rückgriffe auf Denk- und Handlungsmuster der NS-Zeit sowie Ausgrenzung und Verfolgung Andersdenkender prägen weiterhin Teile der deutschen Öffentlichkeit und beginnen, demokratische Übereinkünfte und Grundrechte auszuhebeln. Die Analyse der Theatralik des Faschismus bestätigt die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit als einen unverzichtbaren Bestandteil unseres gesellschaftlichen Denkens und Handelns.
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Heroische Landschaft und heroische Manneskraft

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„Die schwörenden Männer, dem Kreuz und der Sonne“89 (Abb. 2) zugekehrt, stehen hier stellvertretend für die Volksgenossen auf der Bühne des Theaters und erleben in diesem Moment die geradezu magische Überwältigung durch eine Szene, die der Kommentar von 1941 als eine „religiöse“ beschreibt. „Der mächtige Bergzug hat die Größe und Weihe der Natur, vor der ein Schwur für das Land Gottesdienst wird.“90 Naturerlebnis und Kunsterlebnis fallen ineins; eine religiöse Weihehaltung entsteht.

Das Publikum taucht ein in die Andacht eines religiösen Gemeinschaftserlebnisses. Der Blick und die erhobenen Hände der „schwörenden Männer“ sind auf das überirdische Licht gerichtet, so, als würde aus dem diffusen Nebel eines jenseitigen Raumes ein höheres, göttliches Wesen erscheinen. Die Erwartung einer heiligen Botschaft ist den Zuschauern aus dem ideologischen Kontext des Alltags der Kundgebungen ihres Führers vertraut. „Konzentriert“ und „ergreifend“ – das kann man durchaus wörtlich nehmen – nennen die zeitgenössischen Kommentatoren dieses Bild, das in der Überhöhung der Szenerie in subtiler Übertragung auf der Bühne einfängt, was dem „Volksgenossen“ im alltäglichen Leben zum selbstverständlichen Gestus seiner Unterwerfung geworden ist. Er musste ja immer wieder „seinen Blick aufheben zu Hitler wie zu einem ‚Gott, Kaiser/Führer‘, der ihm ← 32 | 33 → nie als natürliche Person erschien, sondern immer umgeben war von Dekoration.“91

„In Feldherrnuniform fuhr er mit ausgestrecktem Arm durch breite, fahnengeschmückte Straßen....

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